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ArchivÖÄZ 2019ÖÄZ 10 - 25.05.2019

Standpunkt Vize-Präs. Herwig Lindner


Tödliche Desinformation

© Bernhard Noll

Medien werden vermehrt in mundgerechten Häppchen konsumiert: drei Zeilen aus der Gratis-Zeitung, ein kurzer Facebook-Post oder ein Youtube-Video, schnelle Information, die bereits vorgefiltert ist. Intensive Recherche oder aktive Auseinandersetzung mit einem Thema wird kaum mehr selbst unternommen. Vielgelesene Inhalte im Internet werden öfter angezeigt, oft sind es Themen die Angst oder Wut auslösen. Skandale verkaufen sich eben besser.

Diese Tatsache gibt leider auch Impfgegnern eine unverhältnismäßig große Bühne. Impfgegner gibt es gar nicht viele, allerdings wächst die Zahl der Impfskeptiker, Menschen die aufgrund von zu wenig oder falscher Information die Sorge vor Vernunft und Evidenz stellen. Die Verunsicherung der Patienten ist groß und gerade wenn es um die eigenen Kinder geht, möchte man kein Risiko eingehen. Dass man jedoch genau das tut, wird einem erst viel zu spät bewusst. Oft erst, wenn das eigene Kind an Masern leidet. Halbwissen oder absichtlich verbreitete Falschinformationen im Zusammenhang mit dem Thema Impfen können gravierende gesundheitliche Folgen haben und sogar töten. Nach Ansicht der WHO stellt die Impfskepsis eine der zehn Bedrohungen für die globale Gesundheit 2019 dar.

Weltweit sind Masern Hauptursache von impfpräventablen Todesfällen. Erstmals seit Jahren nehmen die Maserninfektionen weltweit wieder zu. Auch die Unicef warnt, dass es 2018 in 98 Ländern zu einem Anstieg der Maserninfektionen kam. Die Mortalität ist mit über 100.000 Menschen pro Jahr – die meisten davon Kinder – immer noch hoch.

Daher ist es besonders wichtig, Patienten regelmäßig dazu anzuhalten, ihren Impfstatus zu kontrollieren, sie zu informieren und versäumte Impfungen nachzuholen. Studien belegen, dass der Hauptfaktor für die Akzeptanz von Impfungen der behandelnde Arzt ist. Wir sind im besonderen Maße gefordert, unsere Patienten zum Impfen zu motivieren.

Darüber hinaus brauchen wir entschlossene Maßnahmen, um künftige Ausbrüche in Österreich zu verhindern. An Masern erkrankte Säuglinge auf der Intensivstation oder immunsupprimierte Tumorpatienten haben kein Verständnis für Minimalkompromisse der Verantwortlichen der Gesundheitspolitik. Sie verlassen sich auf deren Schutz.

Für einen wirksamen Gruppenimpfschutz benötigt eine Gemeinschaft laut Berechnungen der WHO eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass intensive Überzeugungsarbeit allein nicht ausreicht. Zusätzlich sind Maßnahmen wie die Koppelung der Auszahlung von Kinderbetreuungsgeld und Familienbeihilfe an die Absolvierung der im Impfplan empfohlenen Impfungen oder eine Impfpflicht angezeigt.

Um Impfscheue und Zögerliche zu motivieren, denn: Den nächsten Masernausbruch darf es nicht geben!


Dr. Herwig Lindner
1. Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 10 / 25.05.2019