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10 Jahre styriamed.net: Einblick - Ausblick


Eine virtuelle Gemeinschaftspraxis sollte entstehen – das war das Ziel, als der Ärzteverbund styriamed.net im Jahr 2009 gegründet wurde. Im Zuge dessen sollten Ressourcen besser genutzt und bestmöglich verteilt werden. Alle Details und Hintergründe über eine steirische Erfolgsgeschichte und was künftig noch zu tun ist.

Ulrike Haider-Schwarz

Gestartet wurde mit styriamed.net mit Netzwerken in den Bezirken Leibnitz und Hartberg. Als Christoph Schweighofer, stellvertretender Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte in der Ärztekammer Steiermark, die Leitung des Referats für styriamed.net im Jahr 2012 übernommen hat, hat die Diskussion über die Primärversorgungseinheiten gerade Fahrt aufgenommen. Er beschloss zusammen mit vielen seiner Kollegen, die schon damals bestehenden drei Verbände zu erweitern und eine flächendeckende Allianz zu schaffen. Die Netzwerke sollten all das erfüllen, was das Gesundheitsministerium von Primärversorgungszentren forderte. Vor allem die Erweiterung der Ordinationsöffnungszeiten der niedergelassenen Ärzte und die Koordination der Urlaube stand von Beginn an im Fokus.

Der Plan ist aufgegangen. Im steirischen Ärzteverbund styriamed.net haben sich niedergelassene Allgemeinmediziner und Fachärzte - mit oder ohne Kassenvertrag - mit Spitälern zusammengeschlossen und kooperieren mit zahlreichen anderen Gesundheitsdienstleistern. Neben rund 500 Arztpraxen sind etwa 20 Bezirksspitäler mit ihren 50 bis 60 Spitalsambulanzen und eine Vielzahl an weiteren Gesundheitsdienstleistern im Netzwerk verbunden. Mittlerweile werden in 13 Regionen (elf Bezirke und zwei Regionen - Graz Umgebung-Nord und Graz Umgebung-Süd) etwa 750.000 Menschen im styriamed.net-Netzwerk versorgt.

Die Ziele von styriamed.net

Erklärtes Ziel von styriamed.net ist es, aufzuzeigen, welche Gesundheitsangebote in den Regionen überhaupt verfügbar sind. Durch die Zusammenarbeit sollen Prozesse und unternehmerische Organisationsstrukturen verbessert werden. Dabei steht immer das Patientenwohl im Mittelpunkt. „Und auch die Entlastung der Krankenhausambulanzen spielt eine nicht unbedeutende Rolle. Denn die Ressourcen der Tertiärversorgung werden teils nicht optimal genutzt, was durchaus daran liegt, dass Patienten nach wie vor Spitalsambulanzen aufsuchen, obwohl sie beim Hausarzt häufig besser aufgehoben wären“, so Schweighofer. Wesentlicher Aspekt der Zusammenarbeit ist infolgedessen auch die reibungslose und lückenlose Kommunikation zwischen den Protagonisten, wie Schweighofer an einem Beispiel vermittelt: „Der behandelnde Facharzt übermittelt die Befunde an den Hausarzt. Voraussetzung dafür ist, dass der Patient schon im Vorfeld zugestimmt hat. Der Hausarzt ist in diesem System der Koordinator und durch den Wissenstransfer auf dem letzten Informationsstand. Er weiß dadurch auch über Behandlungen Bescheid, die er nicht selbst veranlasst hat.“

Freiwillige Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit der regionalen Bezirksverbände, die in styriamed.net ihren Zusammenschluss finden, beruht auf Freiwilligkeit. Jedoch werden ganz klare Kriterien vorausgesetzt, die für die Aufnahme in das Netzwerk erfüllt sein müssen. Und auch während der Mitgliedschaft sind definierte Regeln der Zusammenarbeit einzuhalten. Das soll die Qualität und den Mehrwert für die Patienten gewährleisten. Die Mehrwert bringenden Synergien entstehen durch Koordination sowie das Bemühen um bestmögliche Behandlungsprozesse beim Aufnahme-, Einweisungs- und Entlassungsmanagement. So werden zum Beispiel die behandelnden Ärzte mit Überweisungscodes darüber informiert, wie dringlich die Behandlung des Patienten vom überweisenden Arzt eingestuft wird. „Das fördert vor allen Dingen die Behandlungsqualität“, ist Schweighofer überzeugt.

Was nach Ansicht des Allgemeinmediziners aber noch viel wichtiger ist: „Im ersten Gesetzesentwurf des Primärversorgungsgesetzes war noch keine Rede davon, dass die Primärversorgung anders als unter einem Dach passieren könne. Da konnte man sich die Primärversorgungseinheit als Netzwerk noch nicht vorstellen. styriamed.net hat nun auch Eingang ins Gesetz gefunden, das macht mich stolz.“ Der Verbund in Hartberg könnte ein gutes Beispiel für Netzwerk-basierte Primärversorgung sein. Es erfüllt laut Schweighofer alle Forderungen, die auch an ein Primärversorgungszentrum gestellt werden. Fünf Ärzte haben sich dort zusammengeschlossen, ihre EDV-Systeme wurden verknüpft, Befunde können beispielsweise untereinander einwandfrei übermittelt werden. Schweighofer dazu: „Leider sehen das Land Steiermark und die Gebietskrankenkasse im Moment keinen ausreichenden Mehrwert für die Region, um diesen Verbund als Primärversorgungseinheit zu installieren, weil es nach Ansicht der Entscheidungsträger dort ohnehin schon gut laufe. Das hat aber natürlich Gründe und kommt nicht von irgendwoher.“ Das Bestreben der Krankenkasse, nur einen Ansprechpartner zu haben, kann Schweighofer nachvollziehen. So sei es zum Beispiel bei der Abrechnung einfacher, nur einen Verantwortlichen als Ansprechpartner zu haben. Das sei bei einem Primärversorgungszentrum, das sich unter einem Dach befindet, gegeben. „Mit fünf einzelnen Ärzten mit eigener Ordination abzurechnen stellt klarerweise einen viel höheren administrativen Aufwand dar.“

Aus der Sicht eines Arztes seien allerdings viele Aspekte noch nicht hinlänglich betrachtet. So könnte es zu Umsatzeinbußen kommen, die zum Beispiel durch den Wegfall von Vergütungen aus Vertretungsscheinen oder der Leistung von Erste Hilfe entstehen würden. Persönliche Motive mancher Ärzte für die zurückhaltende Begeisterung rund um die Primärversorgungszentren kämen auch hinzu. Schweighofer weiter: „Man muss die Ärzte schon auch verstehen, dass sie nicht noch einmal in einem Primärversorgungszentrum neu beginnen möchten, wenn sie in die eigene Ordination beispielsweise bei einem Umbau sehr viel Geld investiert haben und jetzt noch einmal bei null anfangen müssten. Außerdem kommt ein ganz menschlicher Faktor hinzu: die Teamfähigkeit, die bei der Arbeit unter einem Dach ohne Zweifel eine große Rolle spielt.“

Ausblick

Für die Zukunft wünscht sich Schweighofer den Ausbau von styriamed.net in Graz und, dass die Zusammenarbeit zwischen den Gesun heitsdienstleistern weiterhin so reibungslos und konstruktiv erfolgt wie bisher. Sein großes Ziel: Im Namen von styriamed.net dislozierte Primärversorgungseinheiten etablieren zu können. „Vielleicht gelingt es uns doch noch, die steirische Gebietskrankenkasse dazu zu bringen, dass sie zustimmt und wir dann wirklich die erste dislozierte Primärversorgungseinheit in Hartberg auf die Beine stellen können.“ Und für die Weiterentwicklung von styriamed.net will sich Schweighofer an angloamerikanischen Vorbildern orientieren: „Ich sehe das Netzwerk in Zukunft als Forum, als ‚Community‘, in das alle eingebunden sind, die zum Thema Gesundheit etwas zu sagen haben.“

Stolz ist der Allgemeinmediziner auf die Auszeichnungen, die styriamed.net in den vergangenen zehn Jahren erhalten hat: So war das Netzwerk unter den drei Finalisten des steirischen Gesundheitspreises „Salus“ im Jahr 2015. Mit der „Goldenen Dolores“ und einem Scheck über 5.000 Euro wurde styriamed.net für ein Projekt, das in Zusammenarbeit mit der Schmerzambulanz des Landeskrankenhauses Hartberg realisiert wurde, ausgezeichnet.


3 Fragen an... Christoph Schweighofer

Die verbesserte Kommunikation im Rahmen von styriamed.net hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die Servicequalität für die Patienten, betont Christoph Schweighofer, Allgemeinmediziner und stellvertretender Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte Steiermark. Daneben sieht er vor allem für junge Kollegen Vorteile.

Welche Stärken hat für Sie ein Netzwerk wie styriamed.net? Sowohl für Patienten als auch für Ärzte ist die Koordination der Termine, Öffnungszeiten und Befunde ein großer Vorteil. Der Hausarzt ist außerdem über die Behandlungen seiner Patienten immer informiert, auch über die, die er nicht selbst, sondern Kollegen durchführen. Diese verbesserte Kommunikation unter allen Netzwerkpartnern schlägt sich in der Servicequalität für die Patienten nieder.

Machen alle Ärzte mit oder anders gefragt: gibt es auch welche, die nicht mitmachen wollen? Natürlich, es ist wie bei allen Netzwerken: nicht alle wollen mitmachen. Kleine Spezialfächer, die sehr viel Zulauf haben, haben keine große Freude, Akutfälle anzunehmen, wenn der Terminkalender ohnehin schon voll ist. Andere profitieren aber stark davon. Speziell junge Kollegen können ins Netzwerk einsteigen, haben alles aufbereitet und können die Vorteile sofort nutzen.

Was wünschen Sie sich für die nächsten zehn Jahre styriamed.net? Weiterhin so viel Begeisterung der involvierten Kooperationspartner. Das ist das Wichtigste, denn das ist der Motor, der das Netzwerk am Laufen hält. Und, dass wir noch viele gemeinsame Projekte umsetzen können. Bei Netzwerken in anderen Bundesländern werden gewisse Leistungen, wie zum Beispiel die Patientenverwaltung, auch finanziell vergütet. Vielleicht schaffen wir es, dass styriamed.net ebenfalls finanzielle Mittel der Krankenkasse erhält.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 10 / 25.05.2019