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Interview Ben Segenreich: Medizin zwischen Innovation und Mangel


Seit mittlerweile mehr als drei Jahrzehnten lebt der ehemalige ORF-Korrespondent Ben Segenreich in Israel. Im Gespräch mit Ursula Jungmeier-Scholz berichtet er von persönlichen Erfahrung mit dem israelischen Gesundheitssystem, wie Abendambulanzen funktionieren und vor welchen Herausforderungen das Gesundheitssystem insgesamt steht.

Sie leben in einem Land, das in internationalen Rankings jeweils zu den besten zehn der Welt gezählt wird. Was macht das israelische Gesundheitssystem besser als das anderer Länder? Gerankt und international hochgeschätzt wird vor allem die medizinische Forschung in Israel. Ob die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung wirklich Weltspitze ist, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, in Österreich ist man mindestens so gut versorgt. Man muss das getrennt betrachten: Da gibt es einerseits Forschung und Entwicklung auf einem sehr hohen Niveau und Firmen von Weltruf wie die Pharmafirma Teva. Aber in Bezug auf Spitäler und Ärzte würde ich mich nicht zu sagen trauen, dass Israel im Spitzenfeld liegt.

Wie erleben Sie selbst das israelische Gesundheitssystem? Das persönliche Erleben als Patient in Israel ist zweizuteilen: Die Ärzte in den Spitälern sind sehr gut, aber wenn man ein Krankenhausbett braucht, hat man manchmal sogar das Gefühl, dass man in der Dritten Welt ist, weil die Krankenhäuser so überlastet sind. Oft stehen Betten in den Korridoren. Die Ärzte machen meist einen sehr kompetenten Eindruck und das Personal ist gut. Aber es fehlt oft an dem, was man nicht unbedingt braucht.

Sie haben ja ein besonderes Erlebnis im Zusammenhang mit dem Beinbruch Ihrer Tochter gehabt…
Das ist jetzt schon einige Jahre her. Meine jüngere Tochter ist in der Schule von einem Baum gesprungen und hat sich dabei das Bein verletzt. Daraufhin haben wir getan, was man in so einem Fall in Israel tut: Hier gibt es eine Einrichtung der Krankenkassen, eine Art Ambulatorium für Notfälle, die für Kinder ab 16 Uhr offensteht und für Erwachsene ab 19 Uhr.  Dort geht man hin, wenn man nicht unbedingt glaubt, ins Spital zu müssen, aber dringend einen Arzt braucht. Dort sitzen Allgemeinmediziner und Allgemeinmedizinerinnen, die man in Israel Familienärzte nennt, und Orthopäden, eben wenn man einen Unfall gehabt hat. Es gibt die Möglichkeit, sehr rasch eine Röntgenaufnahme zu machen, ein Blutbild oder einen Ultraschall. Dorthin sind wir mit unserer Tochter gefahren. Sie wurde geröntgt und der Arzt hatte Bedenken, weil der Bruch in der Nähe der Wachstumsfuge war. Daraufhin sind wir doch in die Notaufnahme gefahren. Der behandelnde Orthopäde machte einen sehr kompetenten Eindruck und hat unserer Tochter den Bruch eingerichtet. Aber sie musste über Nacht zur Kontrolle im Spital bleiben. Das war kein schönes Erlebnis: in einem überfüllten Raum, in dem die Eltern am Boden auf einer Matratze neben ihren Kindern lagen. Jemand hat gemeint, dass Kakerlaken herumlaufen würden. Das charakterisiert die Lage ein bisschen: Man ist medizinisch in der Lage, auch auf sehr Spezielles zu reagieren, aber das ganze Drumherum ist mangelhaft.

Derzeit gibt es in den israelischen Medien Berichte, es gebe eine Tendenz zur Zwei-Klassen-Medizin, die öffentlichen Spitäler seien überfüllt… Ist eine Verschlechterung spürbar? Nein, eine Verschlechterung ist nicht spürbar. Das System in Israel ist ziemlich gut. Es gibt vier Krankenkassen, die miteinander auch in Konkurrenz stehen, die größte ist die ‚Allgemeine Krankenkassa‘, die zur Staatsgründung 1948 ins Leben gerufen wurde. Jeder kann sofort Mitglied bei einer Krankenkassa seiner Wahl werden und zahlt zur Sozialversicherung eine Gesundheitssteuer. Wenn er sie nicht zahlt, ist er trotzdem gesundheitsversichert. Dann muss eben die Steuer bei ihm eingetrieben werden. Ich würde keineswegs sagen, dass das medizinische System rückläufig ist. Was man natürlich immer im Auge behalten muss: Israel ist ein winziges Land, das sehr stark bevölkert ist und es gibt ein sehr dynamisches Bevölkerungswachstum. Das heißt, auch die Spitäler sind immer mehr gefordert und belegt. Aber grundsätzlich ist man in Israel gut versorgt. Die israelischen Ärzte haben eine gute Ausbildung, sind sehr angesehen – zum Beispiel im Bereich der Stammzellenforschung – die Anzahl der Publikationen und Patente pro Kopf ist hoch. In vielen Bereichen hat Israel die Nase vorn.

War die Gesundheitsversorgung im vergangenen Wahlkampf ein Thema?
Eigentlich nicht. In Wahlkämpfen – so auch im letzten – ist das Entscheidende doch immer wieder die sicherheitspolitische Situation. Alle anderen Dinge kommen eher am Rande vor. Natürlich spüren die Leute die Situation in den Spitälern am eigenen Leib. Aber bevor man darüber spricht, diskutiert man eher die hohen Preise, die Wohnungssituation und die teils überfüllten Schulklassen. Ein wirkliches Thema ist die Gesundheitsversorgung nicht.

Warum nicht? Das habe ich mir nie überlegt. Aber es ist vielleicht eine psychologische Frage. Die Israelis – und das haben sie vielleicht mit den Österreichern gemeinsam – jammern über vieles. Aber wenn es drauf ankommt, bei Wahlen zum Beispiel, ist doch wieder die Grundsituation das Entscheidende: die Bedrohung von außen.

Israel hat eine auffallend hohe Lebenserwartung, die auch darauf zurückgeführt wird, dass man Big Data für Präventionsprogramme nutzt. Regt sich da in der Bevölkerung kein Widerstand gegen den ‚gläsernen Patienten‘? Davon habe ich nichts gehört, auch nicht, dass man gläserner Patient ist. Ich hätte eine ganz andere Interpretation: Obwohl vielleicht der Stress höher ist, es gibt Konflikte und der wirtschaftliche Druck ist größer, ernähren sich die Israelis vernünftiger mit viel Obst und Gemüse. Und ich meine als medizinischer Laie, dass das eine ziemlich große Rolle spielen kann. Möglicherweise hat es auch etwas mit der mentalen Einstellung zu tun. Im World Happiness Report der UNO liegt Israel immer praktisch gleichauf mit Österreich. Die Israelis – trotz aller Kriege und Bedrohungen – fühlen sich glücklich.

Wie sehen Sie als ehemaliger Software-Entwickler das Faktum, dass alle Gesundheitsdaten miteinander verknüpft werden? Da sammelt sich doch sehr viel Wissen an einem Punkt… Das kann ich insofern bestätigen als ich weiß, dass mein Familienarzt auf seinem Schirm meine ganze medizinische Geschichte sieht: wann ich untersucht wurde, welche Medikamente ich genommen habe, alle meine Testergebnisse. Ich persönlich empfinde das als positiv und fühle mich nicht ausspioniert. In Europa hat man so eine unerhörte Angst davor, durchleuchtet zu werden. In Israel hat man aus der Grundsituation heraus eine andere Einstellung. Dort sieht man es als positiv an, wenn in Richtung Terrorprävention möglichst viel Information gesammelt wird. Wenn Sie mich persönlich fragen: Es ist mir nützlich, wenn ein Mediziner mehr über mich weiß.

In Österreich haben wir ein System der Pflichtversicherung und in Israel gibt es eine Versicherungspflicht. Welches System bewährt sich besser? Ziel muss es ja sein, die Bevölkerung möglichst umfassend zu versichern. Dass jeder eine Behandlung bekommt, wenn er sie braucht. In Israel ist das insofern gewährleistet, als jeder zu jeder Krankenkasse gehen kann und die muss ihn noch in dieser Stunde aufnehmen. Das ist aus meiner Sicht ein Idealzustand.

Gibt es eine besondere Herausforderung, der sich das israelische Gesundheitssystem in naher Zukunft zu stellen haben wird? Eine ständige Herausforderung ist das Bevölkerungswachstum. Es gibt einige Teile der Bevölkerung, die enorme Geburtenraten haben, das sind die streng religiösen Juden und die arabischen Bürger Israels. Bei den streng religiösen Juden bekommt eine Frau durchschnittlich sieben Kinder und auch in der übrigen Bevölkerung haben die Familien im Schnitt drei Kinder. Dieses Bevölkerungswachstum ist eine Herausforderung in jede Richtung: Man muss die Menschen mit Wasser versorgen in einem Wüstenklima – und man muss die entsprechenden medizinischen Einrichtungen schaffen.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 11/ 10.06.2019