Logo Aerzteverlagszeitung
ArchivÖÄZ 2019ÖÄZ 11 - 10.06.2019

Nutrition 2019: Ernährung: nichts ist fix


Die große Verbraucher-Verunsicherung in Sachen Ernährung durch die digitalen Medien, die Absage an exotische Diäten und ein Plädoyer für individualisierte Formen der Ernährung – das waren einige der Themen bei der Pressekonferenz im Vorfeld der „Nutrition 2019“ Mitte Mai im Kongresshaus Bregenz.

Agnes M. Mühlgassner

Den Titel der„Nutrition 2019“ – „Ernährung – Gewissheit im Fluss“ sieht Univ. Prof. Sonja Fruhwald als ein Zeichen dafür, dass sich das Wissen über die Zeit verändert und „manchmal Dinge, von denen man glaubt, dass man sie kennt, oft auf den Kopf stellt“. Fruhwald ist an der Klinischen Abteilung für Herz-, Thorax-, gefäßchirurgische Anästhesiologie und Intensivmedizin der Medizinischen Universität Graz tätig und eine der drei Kongresspräsidenten der Nutrition 2019. Gleich zu Beginn ihres Statements hielt sie fest, dass es beim Essen nicht nur um Ernährung geht, sondern um Lustgewinn – ist Essen doch ein Zeichen von Zuneigung und Fürsorge.

Mehr als 100 Experten und über 800 Teilnehmer waren schon im Vorfeld für die 18. Dreiländertagung „Nutrition“ der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft klinische Ernährung, der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin und der Gesellschaft für klinische Ernährung Schweiz registriert.

Fruhwald selbst ist Intensivmedizinerin mit dem Schwerpunkt Ethik in der Ernährungstherapie; seit zehn Jahren ist sie auch Mitglied des Grazer Ethik-Komitees. Im Mittelpunkt ihrer Ausführungen standen Überlegungen zu Fragen der Ernährung am Ende des Lebens. Das Hungergefühl vergehe am Ende des Lebens, erklärte sie, und „wir wollen Ernährung am Ende des Lebens anbieten in der Hoffnung, dass sie das Leben verlängert“. Bevor man jedoch mit einer Ernährungstherapie beginnt, sollte man sich zwei Fragen stellen, so das Plädoyer der Intensivmedizinerin: 1) Verbessert eine Ernährungstherapie das Outcome? Und 2) Ist sie überhaupt gewünscht?

Mit dem Aspekt der Mangelernährung setzte sich Patrick Clemens von der Abteilung für Radiologie am Landeskrankenhaus Feldkirch auseinander. Warum ist die Mangelernährung ein derart großes Thema? „Die Hälfte aller onkologischen Patienten ist mangelernährt“, so Clemens. Das heißt: Es kommt zu einer Veränderung zwischen Muskel- und Fettmasse und in der Folge zu einem Gewichtsverlust. Das hat auch Auswirkungen auf den Verlauf der onkologischen Erkrankung, denn „Patienten, die mangelernährt sind, haben eine schlechtere Prognose“, betont der Facharzt für Strahlentherapie und Radio-Onkologie. Auch seien die Kosten hoch, wenn die Mangelernährung nicht erkannt wird.

Die Rolle der digitalen Medien

In Deutschland fasst das 2017 ins Leben gerufene Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung alle Aktivitäten in punkto Ernährungskommunikation zusammen. Für Margareta Büning-Fesel, Leiterin des Bundeszentrums für Ernährung, stellt sich speziell im Hinblick auf digitale Medien nicht die Frage, ob Ernährungs-Fachkräfte die digitalen Medien nutzen sollten oder nicht, sondern vielmehr die Frage, wie gut diese einsetzbar sind, um gesunde, reichhaltige Ernährung zu pushen. Allerdings: „Sie sind kein Ersatz für eine professionelle persönliche Beratung durch qualifizierte Fachkräfte“, wie sie betont.

Mit mehr als 90.000 Apps zur Ernährung stehe ein „unendlich großes Angebot“ zur Verfügung. Wie kann man das sinnvoll für die Bevölkerung nutzen?“ – ist nach Ansicht von Büning-Fesel die entscheidende Frage, kämen diese Apps dem Medien- und Kommunikationsverhalten der Nutzer entgegen. Auch seien Apps eine gute Begleitung und Ergänzung bei der Ernährungstherapie. Dennoch ortet Büning-Fesel eine große „Verbraucher-Verunsicherung“ – etwa durch Posts in sozialen Medien. „Wir gehen weg von einer Wissensgesellschaft mit klaren Autoritäten.“ Ihr Appell an die Fachkräfte: „Macht Euch sichtbar - auch im Netz.“

Ein Drittel aller Menschen in der EU – also rund 100 Millionen – gibt an, dieses oder jenes nicht zu vertragen. Allergien und Intoleranzen nehmen insgesamt zu, erklärte Prof. Stephan Bischoff vom Institut für Ernährungsmedizin der Universität Hohenheim. In der westlichen Welt leiden zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung an Allergien, zwischen fünf und 15 Prozent an Intoleranzen.

Als Auslöser stehen neuerdings auch neue Lebensmittelsorten wie beispielsweise die Weiterentwicklung von Getreidesorten in Diskussion, aber auch die Verarbeitung von Lebensmitteln und Zusatzstoffe. Bischoff dazu: „Es wird auch für Fachleute immer unübersichtlicher, wer was in welcher Form beigibt.“ Einen Grund dafür sieht er darin, dass zunehmend Convenience-Produkte eingesetzt werden und zwar „nicht nur im Privaten, sondern auch vermehrt in Restaurants“. Von Lebensmittelzusatzstoffen werde schon „seit längerem berichtet“, dass diese und natürlich vorkommende Lebensmittel-Chemikalien bei Personen individuell bestimmte Symptome hervorrufen können, weiß der Experte. Jedoch sei es schwer, dies nachzuweisen. So könne beispielsweise die Elimination von Lebensmittel-Zusatzstoffen beziehungsweise von Lebensmittel-Chemikalien bei manchen Menschen für eine begrenzten Zeitraum von Nutzen sein – vorausgesetzt, der diagnostische Weg werde befolgt und die Lebensmittel später wieder in den Speiseplan aufgenommen. Spezielle Diäten wiederum, bei denen es zu einer sehr strikten Einschränkung der Lebensmittelwahl komme, könnten jedoch – besonders bei Kindern und Jugendlichen – zu einem Nährstoffmangel führen. Zuckerintoleranzen – speziell gegenüber Laktose und Fruktose – „spielen eine noch größere Rolle, seit man das Mikrobiom versteht“, so Bischoff. Er konstatiert ganz generell, dass „die Leute in Sorge sind und in exotische Diäten flüchten“.

„Rund ein Drittel der Menschen fährt mit Weissbrot besser“, hält Bischoff dem Trend zu Vollkornprodukten und Müsli entgegen. „Was wir lernen müssen: dass es individualisierte Formen der Ernährung gibt“, so sein Fazit. Das habe man bislang zu wenig ins Kalkül gezogen.


Parenterale Ernährung optimieren

Die parenterale Ernährung von Patienten, die einen erhöhten Aminosäurenbedarf aufweisen, stand im Mittelpunkt eines Pressegesprächs im Rahmen der Dreiländertagung „Nutrition“ Mitte Mai in Bregenz.

„Bei unseren Patienten werden weniger als 60 Prozent der Ernährungsziele erreicht“, berichtete Priv. Doz. Christan Stoppe von der Abteilung Intensivmedizin der Uniklinik Aachen. Aus Studien sei jedoch bekannt, dass eine Optimierung der Proteinzufuhr einen signifikanten Einfluss auf infektiöse Komplikationen, die Beatmungsdauer, die Entlassungszeit und auch die Mortalität hat.

Die Anzahl der Patienten, die an einem Karzinom leiden und mangelernährt sind, ist am höchsten bei Pankreaskarzinomen sowie bei Ösophagus/Magen-Karzinomen, gefolgt von Nieren-/Blasenkarzinomen und Kopf-Nackenkarzinomen. Kommt es zu einem Verlust von fünf Prozent der Körpermasse in weniger als zwölf Monaten, spricht man von Tumorkachexie. So konnte beispielsweise gezeigt werden, dass Menschen im Erkrankungsstadium I/II bei einem Kopf-Halstumor um 50 kcal/Tag weniger aufnehmen als notwendig, bei einem Ösophaguskarzinom um 64 kcal weniger. Im Stadium III/IV beträgt die Energiebilanz für den Kopf-Halstumor minus 910 kcal/Tag, beim Ösophaguskarzinom minus 1.095 kcal. Welche Auswirkungen der Gewichtsverlust auf die Prognose hat, zeigt sich an folgenden Beispielen: So liegt die Prognose für das mediane Überleben beim Mammakarzinom bei 70 Wochen; ist die Betroffene jedoch mangelernährt, sind es nur 45 Wochen. Beispiel Kolonkarzinom: 43 Wochen medianes Überleben; bei Mangelernährung 21 Wochen.

Anhand von Checklisten könne die Tumorkachexie relativ einfach festgestellt werden, erklärte Daniel Plecity von der Medizinischen Klinik I der Kreisklinik Ebersberg. Die Besonderheiten bei der parenteralen Ernährung in der Onkologie sind wie folgt:

  • der Verlust an Körpermagermasse und Muskelgewebe > frühzeitige und adäquat hohe Zufuhr von Aminosäuren;
  • häufig findet sich ein systemisches Inflammationssyndrom mit Insulinresistenz und eingeschränkter Glucose-Toleranz > Reduktion der Glucosezufuhr;
  • Einfluss der Fettzufuhr auf das Immunsystem > Reduktion der Zufuhr von Omega-6-Fettsäuren, da diese die systemische Inflammation fördern.


Eine neue Therapieoption für onkologische Patienten stelle hier ZentroOLIMEL 7,6% dar, so Plecity: Es zeichnet sich durch einen sehr hohen Aminosäurengehalt von 76g/L sowie durch einen verringerten Glukosegehalt von 73g/L aus. Der Lipidgehalt - es handelt sich um eine Olivenölbasierte Fettemulsion - beträgt 35g/L. Mit 950 kcal/L erweist es sich speziell für Patienten mit einem sehr hohen Protein- und einem niedrigen Kalorienbedarf als geeignet.

Compliance-Hinweis: Dieser Beitrag entstand auf Einladung von Baxter Deutschland.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 11 / 10.06.2019