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Porträt: Angelika Amon: Ein amerikanischer Traum wird wahr


Mit der Frage, wie sich die Zellphysiologie im Falle einer Aneuploidie verändert, beschäftigt sich die am Massachusetts Institute of Technology tätige Österreicherin Angelika Amon. Für ihre bahnbrechenden Erkenntnisse hat sie kürzlich den Breakthrough Prize in Life Sciences erhalten.
Ursula Jungmeier-Scholz

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je etwas anderes als Biologie studieren hätte wollen“, erklärt Angelika Amon retrospektiv. Zwar habe sich die Berufsvorstellung von der kindlichen Liebe zu Tieren über ein besonderes Interesse an Saurierforschung bis hin zur Faszination für Molekularbiologie und Zellen gleichsam mit ihrer Persönlichkeit mitentwickelt, aber dass es die Lebenswissenschaft schlechthin werden würde, der sie ihr Leben widmen würde, stand für Amon von Kindesbeinen an fest. Für ihre herausragende Forschungsleistung wurde der 52-jährigen gebürtigen Wienerin nun der weltweit am höchsten dotierte Wissenschaftspreis verliehen: der Breakthrough Prize in Life Sciences. Seit dem Jahr 2013 wird dieser unter anderem von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seiner Frau Priscilla Chan gestiftete und mit drei Millionen Dollar dotierte Preis für Forschungsleistungen in Biowissenschaften und Medizin jährlich an sechs herausragende Forscherinnen und Forscher vergeben.

Preis für das Team

Die drei Millionen wird Amon zum Teil auch ihrem Labor zugutekommen lassen - muss sie doch alle Forschungsgelder für ihr Amon Lab am Massachusetts Institute of Technology selbst lukrieren. Und so schreibt sie mittlerweile häufiger Anträge und trifft potentielle Fördergeber als dass sie selbst mit der Pipette hantiert. „Es ist schade, weil ich wirklich gerne im Labor gearbeitet habe. Aber dazu bleibt nur wenig Zeit.“ Schließlich muss sie die von ihr designten und geleiteten Studien an Hefe- und Mäusezellen ja auch noch publizieren. Daher betont die Genetikerin auch stets, dass der Breakthrough Prize ihrem gesamten Team gebührt, das mittlerweile um die 20 Wissenschafterinnen und Wissenschafter umfasst. Zwei große Forschungsschwerpunkte bestimmen das Berufsleben von Angelika Amon: Erstens zu klären, welche molekulare Mechanismen in der Spätphase der Mitose die Chromosomenaufteilung steuern und wie es dabei zu Fehlern – speziell zur Aneuploidie – kommen kann. Und zweitens jener Bereich, für den sie den Breakthrough Prize erhalten hat: Wie sich die Zellphysiologie im Falle einer Aneuploidie verändert.

Zu derartigen Defekten kommt es nicht nur gleich nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, sondern auch im Körper. Dieser „Zellirrtum“ legt gar nicht so selten den Grundstein für eine Krebserkrankung. „Ein Menschenkörper besteht aus 4 x 1.013 Zellen und im Schnitt kommt es in einer von 105 Zellen zu einer fehlerhaften Chromosomenaufteilung“, rechnet Amon vor. Ob sie sich angesichts dieses Wissens eher vor einer onkologischen Erkrankung fürchte als ein Durchschnittsbürger? „Das ist wie bei Mitarbeitern eines Atomkraftwerkes, die vermutlich auch mehr Angst vor einem Atomunfall haben“, gibt sie zu und verrät auch gleich ihre Gegenstrategie: „Ignorance is bliss.“

Fernziel der Forschungsarbeit von Amon ist es, ihre Erkenntnisse für praktische Anwendungen zu nutzen. „Das Immunsystem hat die Fähigkeit, aneuploide Zellen zu vernichten, während es die gesunden leben lässt. Wenn wir das Prinzip dahinter entschlüsseln und imitieren könnten, wäre das ein Durchbruch im Kampf gegen den Krebs.“

Dass Angelika Amon letztlich in Cambridge, Massachusetts, Wurzeln schlagen würde, war gar nicht unbedingt Teil ihres Karriereplans. Nach ihrem Studienabschluss in Wien und dem Doktorat bei Kim Nasmyth am damals soeben gegründeten Institut für Molekulare Pathologie – Nasmyth ist ebenfalls Breakthrough-Preisträger – zog es sie im Jahr 1994 in die globale Forscherwelt. Ihre Entwicklung als Wissenschafterin verlief wie eine idealtypische Emanzipation von der Herkunftsfamilie: die Trennung vom Doktorvater, um einen eigenen Weg zu finden, die „Gesellenjahre“ unter den Fittichen einer wissenschaftlichen Mentorin – in ihrem Fall ein Fellowship bei Ruth Lehmann am Whitehead Institute for Biomedical Research am MIT – und dann die Anstellung am MIT mit Professur und eigenem Labor.

Bei jedem dieser Schritte war der Lebenspartner und späterer Ehemann von Amon an ihrer Seite. „Wir haben schon zu Studienzeiten Wanderlust gespürt.“ Eigentlich wollten die beiden nur zwei oder drei Jahre in den Staaten bleiben, doch dann öffnete sich in den USA Tür um Tür für die passionierte Genetikerin. Bei ihren Versuchen, in die Heimat zurückzukehren, zeigten österreichische Institute wenig Enthusiasmus angesichts ihrer Bewerbung. „Zuerst hat sich niemand für mich interessiert und irgendwann hat es mich nicht mehr interessiert“, meint sie nun rückblickend. „Unsere beiden Töchter fühlen sich als Amerikanerinnen und wir wollen sie keinesfalls entwurzeln.“

Mikroskop statt rosa Brille

Trotz ihres beispielhaften Karriereverlaufs – Fellowship am Whitehead Institute, Assistant Professor und Associate Professor am Koch Institute for Integrative Cancer Research des MIT, dann Professorin und Forschungsgelder vom Howard Hughes Medical Institute – sieht Amon die wissenschaftliche Gemeinschaft in den USA nicht durch die rosarote Brille, sondern eher analytisch durchs Mikroskop: „Mehr Geld für die Forschung gibt es auch in den USA nicht. Die Mittel sind überall knapp. Aber die Hierarchien sind flacher und es zählt wirklich nur eines: nämlich die Leistung.“

Das Gefühl, sich in diesem Umfeld besser entfalten zu können, bewahrt Amon aber nicht davor, ihre Heimat ab und an zu vermissen. „Vor allem die Familie.“ Und mit einem selbstironischen Lachen fügt sie hinzu: „Und natürlich Punschkrapferln und Leberkässemmeln…“ Ersehnte Familienmitglieder gibt es zahlreiche, ist Amon doch die Erstgeborene von vier Geschwistern und auch ihr Mann stammt aus einer kinderreichen Familie. „Mir war auch immer klar, dass ich selbst Kinder haben wollte.“

Beharrlichkeit als Antrieb

Die Töchter von Amon sind mittlerweile 13 und 20 Jahre alt, die Ältere studiert Chemie. Als Angelika Amon im Juli 2018 vorinformiert wurde, dass sie den Breakthrough Prize erhalten würde, durfte sie nur ihren Mann ins Vertrauen ziehen; die Töchter haben die frohe Botschaft erst im Herbst, kurz vor der Verleihung erfahren. „Wir mussten eine Ausrede für sie erfinden, warum die ganze Familie Abendkleidung benötigt“, erzählt Amon, die sich eher im Wissenschaftsbetrieb heimisch fühlt als im Ambiente von Red Carpet Events. Dieses berufliche Heimatgefühl versucht sie auch, ihren Töchtern weiterzugeben. „Ich arbeite gerne und viel – und das sehen die Kinder auch. Daheim habe ich immer auch über meinen Job und über Biologie gesprochen. Aber ich würde ihnen niemals einen Beruf vorschlagen. Sie müssen selbst herausfinden, was ihnen Spaß macht.“ Was ihnen Amon jedoch mitzugeben versucht, ist ihre Grundhaltung der „persistance“. „In der Wissenschaft stellen sich neun von zehn Hypothesen als falsch heraus. Ohne Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen kommt man da nicht weit.“

Die wissenschaftliche Arbeit von Amon speist sich außerdem aus einem hohen Berufsethos: „Meine Arbeit soll rechtfertigen, warum ich auf diesem Planeten wohne. Es ist mir wichtig, etwas für das ‚greater good‘ zu tun.“



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 1-2 / 25.01.2019