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Standpunkt Vize-Präs. Herwig Lindner


Gemeinsam in das neue Jahr

© Bernhard Noll

Das Rezept gegen den Ärztemangel ist gefunden, jedenfalls nach Meinung mancher Landespolitiker. Die Verdoppelung der Studienplätze und ein paar private Medizinische Universitäten mehr lösen das Problem im Handumdrehen. Wen kümmert es da schon, wenn dann eben 1200 Absolventen statt jetzt 600 pro Jahr samt vom Steuerzahler investierter Ausbildungskosten von je 500.000,- das Land verlassen?

Die Ursachen für das komplexe Problem Ärztemangel sind multifaktoriell und erfordern eine multikausale Herangehensweise. Arbeitsbedingungen, schlechte Vereinbarkeit von Arztberuf und Familie, ungebremste Patientenströme in die Ambulanzen, Hürden beim Einstieg in die Basisausbildung, Mängel in der Ausbildung, die wiederaufgeflammte KA-AZG-Debatte und unattraktiv gewordene Kassenverträge sind nur ein paar der Beweggründe dafür, dass Ärztinnen und Ärzte Österreich den Rücken kehren.

Es ist hoch an der Zeit, die Probleme gemeinsam anzugehen und in die ärztliche Versorgung zu investieren, um auch zukünftig die beste medizinische Betreuung für die Bevölkerung sicherzustellen. Einzelne Aktivitäten werden von Bund und Ländern zwar bereits gesetzt, es fehlt aber das multimodale Gesamtkonzept, der Masterplan.

Wir Ärztinnen und Ärzte sind gewohnt, differenziert zu denken. Wir ziehen nicht nur eine Lösung in Betracht, wir recherchieren, untersuchen gründlich, holen Konsile ein, nützen unsere Erfahrung und treffen nach bestem Wissen und Gewissen Entscheidungen und planen für und mit den Patienten die Therapie. Leider scheint es der österreichischen Politik an der Fantasie und Motivation zu mangeln, sich tiefergehend mit den drängenden Fragen im Gesundheitswesen zu befassen. Wer eine nachhaltige Lösung finden möchte, muss zuerst das Problem erkennen und fundiert analysieren.

Ich kann daher nur den dringenden Appell an die Politik richten: Gehen Sie in die Spitäler und in die Ordinationen, sprechen Sie mit den Ärztinnen und Ärzten und hören Sie genau zu. Wir sind die Betroffenen Ihrer Reformen, die Experten an vorderster Front. Wir können Ihnen ganz genau sagen, wo die Probleme liegen, warum an vielen Stellen die Ärzte fehlen und wie man das Gesundheitssystem zukunftsfit macht.

Ein neues Jahr stellt immer auch einen Neuanfang dar. Ich darf die Politik daher herzlich einladen, diesen Neustart zu nützen und den aktiven Dialog mit der Ärzteschaft zu suchen, damit wir gemeinsam in ein gesundes 2019 starten können.


Dr. Herwig Lindner
1. Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 1-2 / 25.01.2019