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Kurz und informativ: Medizinische Kurzmeldungen


Phthalate und Spermien: unterschiedliche Auswirkungen

Phthalate wirken sich nicht bei jedem männlichen Fötus gleich schädlich auf die Spermienbildung aus. Ein Team um Ariane Giacobino von der Universität Genf hat diesen Effekt an schwangeren Mäusen untersucht. Diese erhielten Phtalate; später wurde die Spermienqualität des männlichen Nachwuchses geprüft. Ergebnis: Die Spermienqualität war nur bei einem Teil der Männchen schlechter; der andere Teil war resistent. Im Erbgut der anfälligen Mäuse entdeckten die Forscher Bindestellen für Hormone – und hormonähnliche Phthalate –, die bei nicht-anfälligen Tieren nicht vorhanden waren. Möglicherweise verhindern Phthalate über epigenetische Veränderungen, dass die benachbarten Gene korrekt abgelesen werden. Entgegen bisheriger Annahmen wurden die Veränderungen sogar teilweise an die nächste Generation weitergegeben. Nun wollen die Forscher herausfinden, ob beim Menschen ähnliche Prädispositionen vorliegen.
APA/Plos One


Antidepressiva mindern Empathie


Entgegen bisheriger Annahmen kann die Beeinträchtigung des empathischen Einfühlungsvermögens mit Menschen, die an Schmerzen leiden, vorrangig nicht nur auf die Depression zurückgeführt werden, sondern auch auf Antidepressiva. Das hat ein Team um Univ. Prof. Claus Lamm vom Institut für Psychologische Grundlagenforschung und Forschungsmethoden an der Uni Wien, Priv. Doz. Rupert Lanzenberger von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Assoz. Prof. Christian Windischberger vom Zentrum für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik der MedUni Wien herausgefunden. Eine Patientengruppe wurde zu zwei Zeitpunkten untersucht: während einer akuten depressiven Phase vor der Einnahme von Medikamenten sowie nach dreimonatiger psycho-pharmakologischer Therapie mit Antidepressiva. Beide Male wurde die Hirnaktivität mittels funktioneller MRT untersucht, während die Patienten Videos von Menschen sahen, die Schmerz erlebten. Dabei wich die empathische Reaktion der Patientengruppe nicht von jener der gesunden Kontrollgruppe ab. Erst nach der dreimonatigen Einnahme von Antidepressiva fiel die Reaktion wesentlich geringer aus. 
Universität Wien/Translational Psychiatry


627.000 Frauen starben 2018 weltweit an Brustkrebs; etwa eine Million neue Fälle wurde diagnostiziert. Forscher aus der Schweiz und aus Frankreich wollen nun einen BH entwickeln, der Brustkrebs mithilfe von Sensoren bereits frühzeitig erkennt. Im Rahmen des Projekts „SBra“ prüft ein Team aus 30 Wissenschaftern derzeit, ob vorhandene Technologien dazu imstande sind.


Gedanken steuern den Rollstuhl

Am Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum untersuchen Forscher um den Neurochirurgen Ramon Martínez-Olivera derzeit, wie spezielle Rollstühle mit Gedankenkraft über eine Hirn-Computer-Schnittstelle gesteuert werden können. Eine Elektroden-Mütze erfasst dabei elektrische Gehirnimpulse und übermittelt sie an den Computer. Vier der zehn Personen mit einer Paraplegie konnten den Rollstuhl nach einem mehrwöchigen Training durch einen einfachen Hindernisparcours steuern.
APA


Asoziale projizieren Verhalten auf andere

Menschen mit asozialen Persönlichkeitsmerkmalen gehen davon aus, dass ihre Interaktionspartner ihre unsoziale Weltanschauung teilen. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher um den Ökonomen Ernst Fehr von der Universität Zürich und Jan Engelmann von der Universität Amsterdam. Bei ihrer Studie setzten sie eine Kombination aus Persönlichkeitsfragebogen und Vertrauensspiel („Trust Game“) ein. 182 Probanden wurden anonym entweder zum „Investor“ oder „Agenten“ und mussten eine bestimmte Geldsumme senden oder empfangen. In einige Versionen des Spiels wurden Sanktionsmöglichkeiten für Vertrauensbrüche integriert. Je nach Vorhandensein von Sanktionen passten Personen mit asozialen Persönlichkeitsmerkmalen ihr Verhalten im Experiment strategisch an und schnitten bei Auszahlungen besser ab als andere. Sie vertrauten wenig und hintergingen selbst, außer es waren wirksame Sanktionen zu
befürchten.
APA/PNAS


Künstliche Intelligenz liefert bessere Diagnose bei Hautläsionen

Künstliche Intelligenz diagnostiziert pigmentierte Hautveränderungen besser als menschliche Experten – so das Ergebnis einer Studie um Priv. Doz. Philipp Tschandl von der Universitätsklinik für Dermatologie der MedUni Wien. Dabei traten 511 Ärzte gegen 139 Bilderkennungsalgorithmen aus 77 verschiedenen Laboratorien weltweit an. Lerngrundlage für die Maschinen war die Bilddatenbank HAM10.000 mit mehr als 10.000 Aufnahmen und sieben verschiedenen Klassen von Hautveränderungen. Bei 30 neuen, nicht in der Bilddatenbank enthaltenen Aufnahmen auf einer Online-Plattform schnitten zwei Drittel der Maschinen besser ab als Ärzte: Die besten Maschinen klassifizierten 25,4 von 30 Bildern richtig, die Ärzte 18,8 Bilder. Laut Tschandl wird die Interpretation der Ergebnisse aber weiterhin dem Menschen überlassen, der bei der Risikoeinschätzung, der Verlaufsbeobachtung, dem Ertasten von Veränderungen der Haut und dem Vergleich mit anderen Muttermalen am Körper weiterhin überlegen ist.
APA/The Lancet Oncology


Übergewicht erhöht Hypertonie-Risiko bei Kindern

Ein Forscherteam um Inaki Galan von der Universidad Autonoma de Madrid hat herausgefunden, dass Übergewicht bereits bei jüngeren Kindern das Risiko für eine Hypertonie erhöht. 1.796 Kinder aus der Region Madrid wurden im Alter von vier Jahren und erneut mit sechs Jahren untersucht. Bei den Vierjährigen wurden Größe, Geschlecht, Lebensumstände der Mutter und weitere Faktoren registriert. 32 Pädiater bestimmten daraufhin Gewicht, Bauchumfang und Blutdruck. Ergebnis: Kinder, die mit vier und sechs Jahren übergewichtig oder fettleibig waren, hatten im Vergleich zu normalgewichtigen Kindern ein zwei- bis zweieinhalb größeres Risiko, an Hypertonie zu leiden. Kinder, die im Alter von vier Jahren übergewichtig, mit sechs Jahren aber normalgewichtig waren, hatten vergleichbare Blutdruckwerte wie normalgewichtige Kinder. 
APA/European Journal of Preventive Cardiology


Feinmotorik-Training modifiziert Neuronen

Forscher um Kelly Tan von der Universität Basel haben Nervenzellen im Nucleus ruber im Mittelhirn identifiziert, die sich durch das Erlernen feinmotorischer Bewegungen plastisch verändern. Versuche mit Mäusen haben gezeigt, dass das Üben von neuen Greifbewegungen die Verbindungen zwischen diesen Nervenzellen stärkt. Inwiefern sich die Nervenzellverbindungen zurückbilden, wenn die erlernte Bewegung nicht mehr ausgeführt wird, wollen die Forscher mit weiteren Versuchen klären. Diese Erkenntnisse könnten bei M. Parkinson und damit verbundenen motorischen Störungen eine Rolle spielen.
APA/Nature Communications



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2019