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Systemische Sklerose: Faktor „Zeit“


Verlauf und Symptome der systemischen Sklerose sind individuell sehr unterschiedlich. Bis zur Diagnose vergehen oft mehrere Jahre. Etwa ein Viertel der Patienten entwickelt innerhalb von drei Jahren nach der Diagnose eine klinisch relevante Lungenbeteiligung – was entscheidend für den Krankheitsverlauf ist.


Die systemische Sklerose – auch bekannt als Sklerodermie – ist eine seltene Autoimmunerkrankung des Bindegewebes und führt zur Fibrose der Haut sowie verschiedener innerer Organe. Sie tritt typischerweise im Alter zwischen 25 und 55 Jahren erstmals auf. „Zwar können auch Kinder an systemischer Sklerose erkranken, dennoch sind am häufigsten Erwachsene zwischen 40 und 50 Jahren betroffen“, erklärte Prof. Oliver Distler, Leiter der Klinik für Rheumatologie am Universitätsspital Zürich, kürzlich im Rahmen eines Pressegesprächs am Rande des EULAR-Kongresses 2019 (European League Against Rheumatism) in Madrid. Dabei sind Frauen etwa viermal häufiger betroffen als Männer.

Das früheste Symptom – das Raynaud-Syndrom – kann der Erkrankung um Jahre vorausgehen. Kennzeichnend ist eine Verdickung und Verhärtung der Haut, die immer an den Fingern beginnt, sich aber auf den Körper ausdehnen kann. Oft geht dem eine Schwellung der Finger voraus („puffy fingers“). Außerdem klagen die Betroffenen häufig über Beschwerden des Bewegungsapparats.

Weil die systemische Sklerose eine individuell sehr heterogene Ausprägung zeigt und Symptome und Verläufe von Patient zu Patient unterschiedlich sind, ist die Diagnose eine komplexe Aufgabe. „Bis zur Diagnose der Erkrankung vergehen oft mehrere Jahre“, so Distler.

Lungenbeteiligung häufig

Der Faktor „Zeit“ spielt vor allem bei Veränderungen an der Lunge eine Rolle. Rund 25 Prozent der Patienten entwickeln innerhalb von drei Jahren nach der Diagnose eine klinisch relevante Lungenbeteiligung, die entscheidend für den Krankheitsverlauf ist. Typischerweise kann das Lungengewebe in Form einer interstitiellen Lungenerkrankung oder das Blutgefäßsystem – etwa als pulmonal arterielle Hypertonie oder pulmonale Hypertonie – betroffen sein. Die systemische Sklerose mit assoziierter interstitieller Lungenerkrankung (SSc-ILD) ist eine der Haupt-Todesursachen bei Patienten mit systemischer Sklerose: Sie ist für rund ein Drittel aller Todesfälle mit verantwortlich. Neben der Lunge können etwa auch der Gastrointestinaltrakt, der Herzmuskel oder das Nervensystem betroffen sein.

Nicht für alle Symptome je nach Organ-Beteiligung stehen bislang Therapien zur Verfügung. Vor allem bei der systemischen Sklerose mit assoziierter interstitieller Lungenerkrankung sieht Distler „einen sehr großen medizinischen Bedarf, da es bisher keine zugelassenen Behandlungsmöglichkeiten gibt, die den Krankheitsverlauf effektiv beeinflussen“.

Diesem Aspekt hat sich die SENSCIS®-Studie gewidmet: 576 Patienten in mehr als 32 Ländern – darunter auch Österreich – haben an der doppelblinden, randomisierten, Placebo-kontrollierte Phase-III-Studie teilgenommen. Die Hälfte der Patienten erhielt Nintedanib (zweimal täglich 150mg oral), die andere Hälfte Placebo. Primärer Endpunkt war der jährliche Verlust der forcierten Vitalkapazität (FVC) bei Patienten mit systemischer Sklerose mit assoziierter interstitieller Lungenerkrankung (SSc-ILD) über 52 Wochen. Ergebnis: Bei jenen Patienten, die mit Nintedanib behandelt wurden, war der Verlust der Lungenfunktion um 44 Prozent signifikant reduziert. „Das bedeutet eine signifikante Verlangsamung des Krankheitsverlaufs“, resümierte Distler, der auch Lead Investigator der Studie war. Die Ergebnisse zeigten auch, dass Nintedanib ein ähnliches Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil aufwies wie jenes bei Patienten mit idiopathischer Lungenfibrose (IPF).

Nintedanib ist in mehr als 70 Ländern zur Behandlung von IPF zugelassen, nicht aber für die Behandlung von Patienten mit SSc-ILD. Diese Studienergebnisse, die im New England Journal of Medicine (NEJM) veröffentlicht wurden, bildeten nun die Grundlage für den Zulassungsantrag für Nintedanib bei SSc-ILD bei der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) und der europäischen Zulassungsbehörde, European Medicines Agency (EMA). (red)

Compliance-Hinweis: Dieser Beitrag ist auf Einladung von Boehringer-Ingelheim entstanden.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2019