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ArchivÖÄZ 2019ÖÄZ 13/14 - 15.07.2019

Alkoholkonsum in den USA: Die übersehene Krise


Die Alkohol-bedingten Sterbefälle sind in den USA innerhalb von zehn Jahren um 35 Prozent gestiegen, zeigt eine aktuelle Studie. Das Problem, das viele Amerikaner mit Alkohol haben, gilt im Land inzwischen als „übersehene Krise“, denn die Aufmerksamkeit galt bislang der Opioid-Epidemie.

Nora Schmitt-Sausen

In den USA zeigt sich aktuell eine Tendenz, die Ärzte und Forscher alarmiert: Die Trinkgewohnheiten vieler US-Bürger gehen weit über gelegentlichen Konsum alkoholischer Getränke hinaus. Mit drastischen Folgen: Die Zeitung USA Today berichtete kürzlich als erstes US-amerikanisches Medium über Analysen der University of Washington, wonach die Zahl der US-Bürger, die an den Folgen ihres Alkoholkonsums sterben, stark zunimmt. Der Studie zufolge sind die Alkohol-bedingten Sterbefälle im Land zwischen 2007 und 2017 um 35 Prozent gestiegen. Dabei fällt auf: Bei Frauen stiegen die Sterbefälle um dramatische 85 Prozent (Männer: plus 29 Prozent). Bislang war Alkoholsucht vor allem als Problem von Männern bekannt.

Das National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, ein Teil der National Institutes of Health, zeigt sich besorgt – speziell über die Zunahme bei den Frauen. „Diese sich verändernden Muster sind vor dem belegten Hintergrund, dass Frauen anfälliger als Männer für Alkohol-bedingte Gesundheitsschäden wie Lebererkrankungen, kognitive Beeinträchtigungen und einige Krebsarten sind, beunruhigend“, heißt es. Eine mögliche Erklärung für die Zunahme des Alkoholkonsums bei Frauen ist, dass der Griff zum Alkohol bei Frauen mehr toleriert wird als früher.

Das große Problem, das viele Amerikaner mit Alkohol haben, gilt im Land inzwischen als „übersehene Krise“; die Aufmerksamkeit der Politik gilt der Opioid-Epidemie. Dabei sind weitere Zahlen signifikant: Jedes Jahr sterben in den USA nach Angaben der Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) 88.000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums. Das sind weit mehr als am Opioid-Missbrauch (72.000 im Jahr 2017). Die Dimension des Problems wird auch hier deutlich: Nach offiziellen Angaben haben 18 Millionen Amerikaner ein gesundheitsgefährdendes Trinkverhalten.

Mehr Patienten in Notaufnahmen

Die Folgen von Amerikas Hang zum Alkohol machen sich nicht nur in den Ordinationen, sondern auch in Kliniken und hier vor allem in den Notaufnahmen bemerkbar. Mehrere Erhebungen berichten von einer gestiegenen Anzahl von alkoholbedingten Besuchen in Notaufnahmen, vor allem verursacht durch „Rauschtrinken“ - dem Konsum von fünf oder mehr Drinks bei Männern beziehungsweise vier oder mehr bei Frauen innerhalb von zwei Stunden. Auch diese Form des risikoreichen Trinkens hat über die Jahre zugenommen, zeigen verschiedene Erhebungen übereinstimmend. Das bedeutet für das hier und jetzt: Einer von sechs Amerikanern begibt sich vier Mal im Monat in einen bewussten Alkoholrausch.

Ein massiver Verfechter des alkoholfreien Lebens ist der US-Präsident: Donald Trump trinkt nach eigenen Angaben keinen Tropfen Alkohol. Seine Angaben scheinen glaubhaft, in Washington ist er für seine Abstinenz bekannt. Der Republikaner tut dies aus leidvollem Hintergrund. Sein älterer Bruder Fred war Alkoholiker und starb an den Folgen seiner Sucht. Ende des vergangenen Jahres spendete der US-Präsident 100.000 Dollar – ein Viertel seines Jahresgehaltes – an das National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism.

Kaum Unterstützung für Suchtkranke

Politische Unterstützung erhalten Menschen mit Alkohol- und anderen Suchtproblemen ansonsten aber wenig. Das US-amerikanische Gesundheitssystem hält nur wenige Ressourcen für Suchtkranke bereit und lässt viele Betroffene – und deren Angehörige – mit ihrer Sucht auf sich allein gestellt. Die Alkoholprobleme vieler US-Bürger werden weder erkannt noch effektiv behandelt, lautet ein oft gehörter Vorwurf.

Die Studie der University of Washington ist nicht die erste, die in jüngerer Vergangenheit einen Blick auf das kritische Trinkverhalten der Amerikaner wirft. Epidemiologen des National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism deckten bereits im Jahr 2017 in einer viel beachteten Untersuchung auf, dass in der US-Bevölkerung der Griff zum Alkohol signifikant zugenommen hat.

Auch diese in JAMA Psychiatry veröffentlichte Studie macht deutlich: Vor allem das Trinkverhalten amerikanischer Frauen hat sich negativ verändert. Ein besonderes Augenmerk legt die Studie zudem auf eine weitere Gruppe: Ältere US-Bürger greifen zunehmend und in kritischem Maße zu Alkohol – und das oft über Jahre. Auch wenn Menschen über 65 Jahre im Vergleich zu Jüngeren seltener trinken, ist die Zunahme in dieser Altersgruppe mit einem Anstieg von 22 Prozent so deutlich wie in keiner Altersgruppe.

Zugrunde gelegt wurden Befragungen von jeweils 40.000 erwachsenen US-Amerikanern im Zeitraum 2001 bis 2002 und 2012 bis 2013. Zwischen den 1970er und den 1990er Jahren ist das Trinkverhalten der US-Amerikaner auf einem konstanten Level geblieben – oder es wurde gar weniger getrunken.

Über die Gründe für die Zunahme spekulieren die Forscher, schreibt die New York Times, die das Thema wie viele andere US-Medien aufgegriffen hat. Als potentielle Erklärung werden die sozialen und wirtschaftlichen Ängste, die durch die Finanzkrise ausgelöst wurden, genannt. Andere Stimmen glauben, dass die Babyboomer-Generation ihre früheren Trinkgewohnheiten nicht abgelegt hat und grundsätzlich Suchtmitteln nicht so kritisch gegenübersteht.


Alkohol: ein weltweites Problem

Alkoholkonsum und dessen Folgen für die Gesundheit sind weltweit ein Problem. An dieser Erkenntnis gibt es spätestens seit dem vergangenen Spätsommer keine Zweifel mehr. Damals veröffentlichte das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) an der University of Washington im Lancet die Studie „Alcohol use and burden for 195 countries and territories, 1990–2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016”. Dabei wurden für den Zeitraum 1990 bis 2016 alkoholbedingte Gesundheitsschäden für 195 Länder und Regionen untersucht und der Alkoholkonsum nach Alter und Geschlecht erhoben. Die Studie verwendete 694 Datenquellen zum individuellen Alkoholkonsum und zum Alkoholkonsum in der Bevölkerung sowie 592 prospektive und retrospektive Studien zum Alkoholkonsumrisiko.

Zentrale Ergebnisse der Studie:

  • Jeder Alkoholkonsum führt – unabhängig von der Menge – zum Verlust eines gesunden Lebens.
  • Alkohol ist der Hauptrisikofaktor für Erkrankungen bei Männern und Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren.
  • Je nachdem, wo man lebt, gibt es große Unterschiede, wer trinkt und wie viel jeder Trinker durchschnittlich konsumiert.
  • Es ist dringend erforderlich, die Menschen über die schädlichen Wirkungen von Alkohol aufzuklären, sie zu ermutigen, nicht zu trinken, und den Gesamtkonsum weltweit zu senken.

Selbst vergleichsweise geringe Mengen von regelmäßigem Alkoholkonsum, etwa zwei kleine Bier bei Männern täglich, sind in erheblichem Maß gesundheitsschädlich. Der Studie zur Folge waren allein im Jahr 2016 weltweit fast drei Millionen Todesfälle auf Alkoholkonsum zurückzuführen.

Im Nahen Osten befanden sich acht der zehn führenden Länder mit der niedrigsten Sterblichkeitsrate aufgrund von Alkoholkonsum bei 15- bis 49-Jährigen: Kuwait, Iran, Palästina, Libyen, Saudi-Arabien, Jemen, Jordanien und Syrien. Die anderen beiden waren Malediven und Singapur. Sieben der zehn führenden Länder mit der höchsten Sterblichkeitsrate lagen in den baltischen, osteuropäischen oder zentralasiatischen Regionen, insbesondere in Russland, der Ukraine, Litauen, Belarus, der Mongolei, Lettland und Kasachstan. Die anderen drei waren Lesotho, Burundi und die Zentralafrikanische Republik.

Die IHME-Studie zu Alkoholkonsum und Alkohol-bedingten gesundheitlichen Folgen ist Teil der „Global Burden of Disease“-Studie. Diese liefert globale Gesundheitsschätzungen und untersucht weltweite, nationale und regionale Trends für Tod und Behinderung aufgrund schwerer Krankheiten, Verletzungen und Risikofaktoren. Ziel ist es, die gesundheitlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu verstehen.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2019