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Aktionsplan Adipositas: Zeit für Bewegung


Damit die WHO-Vorgaben gegen krankhaftes Übergewicht im Kindes- und Jugendalter noch erreicht werden können, ergreift die Ärzteschaft die Initiative und präsentierte mit Ernährungsmedizinern den „Aktionsplan Adipositas“.

Sascha Bunda

„Das Massenphänomen krankhaftes Übergewicht ist eine gesundheitliche, gesundheitspolitische und gesundheitsökonomische Zeitbombe“, fand Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der ÖÄK, drastische Worte. In der Tat, es drängt die Zeit: Die Weltgesundheitsorganisation WHO fordert in ihrem „Europäischen Aktionsplan Nahrung und Ernährung“ auch von der österreichischen Bundesregierung bis 2020 Konzepte gegen Adipositas. Damit endlich Bewegung in die Thematik kommt, geht die Ärzteschaft in die Offensive: Gemeinsam mit Ernährungsmedizinern der MedUni Wien wurde ein Bündel von strategischen Maßnahmen und gesundheitspolitischen Forderungen erarbeitet, der „Aktionsplan Adipositas“. „Unser Ziel ist dessen zügige politische Umsetzung, um durch wirksame Präventionsmaßnahmen die Ausbreitung von Adipositas einzudämmen“, so Steinhart.

Die Lage ist ernst: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und Atemwegserkrankungen verursachen heute in Europa bereits 77 Prozent der Krankheitslast und 86 Prozent der vorzeitigen Sterblichkeit. „Führende Risikofaktoren sind ein überhöhtes Körpergewicht sowie der übermäßige Verzehr von kalorienreicher Nahrung, gesättigten Fetten, Transfettsäuren, Zucker und Salz bei zu geringem Konsum von Obst, Gemüse und Vollkornprodukten“, so Kurt Widhalm, Kinderarzt und Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin. In europäischen Ländern ist nach WHO-Angaben bereits jedes dritte Kind in der Altersgruppe sechs bis neun Jahre adipös. Widhalm: „Es wird davon ausgegangen, dass sich die Zahl adipöser Kinder bis zum Jahr 2025 verdoppeln wird.“

„Um den Vorgaben der WHO zu entsprechen zu können, empfehlen wir eine Reihe von Sofortmaßnahmen“, sagt Steinhart. Zentral sei die Gründung eines kleinen und kurzfristig entscheidungsfähigen ernährungsmedizinischen Expertenboards, bestehend aus österreichischen und internationalen Experten unter wissenschaftlicher Beteiligung der MedUni Wien, unabhängig von Partei- und Industrieinteressen.

„Zahlreiche Voraussetzungen für ein erfolgreiches Vorgehen wurden bereits geschaffen“, so der ÖÄK-Vizepräsident - etwa von der Ärztekammer fertig ausgearbeitete Jugendgesundheitspass. Zudem müssten die Gesundheitsdaten, die Österreichs Schulärzte erheben, endlich konsequent ausgewertet werden, fordert Ernährungsmediziner Widhalm. Auch die Expertise der etwa 1.600 Ärztinnen und Ärzte, die in Österreich das ÖÄK-Diplom für Ernährungsmedizin besitzen, sei zum Erreichen der WHO-Vorgaben unverzichtbar. Geklärt werden müsse, so Steinhart, noch „die Honorierung solcher Leistungen, weil diese im Honorarkatalog von Kassenvertragsärzten nicht berücksichtigt sind.“

Die Finanzierung der Maßnahmen könne über die Alkohol- und Tabaksteuer erfolgen, sagt Steinhart. Bei Prävention (2017 nur 2,1 Prozent der Gesundheitsausgaben) gebe es „noch sehr viel Luft nach oben“. „Das ist auch unsere sehr klare Botschaft an die Verantwortlichen der in Gründung befindlichen Österreichischen Gesundheitskasse“, sagt Steinhart: „Prävention und rechtzeitige Intervention bei krankhaftem Übergewicht im Kinder- und Jugendalter sind Paradebeispiele für sinnvolle Investitionen in Gesundheit und die Vermeidung von Folgekrankheiten.“



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2019