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ArchivÖÄZ 2019ÖÄZ 15/16 - 15.08.2019

Rezidivierender Harnwegsinfekt beim Erwachsenen: Ursache oft unklar


Bei
der überwiegenden Mehrheit der Frauen ist die Kombination von zu geringer Flüssigkeitszufuhr und einer zu langen Transitzeit des Harns die Ursache für den rezidivierenden Harnwegsinfekt. Warum einige Frauen so häufig an Rezidiven leiden und andere wiederum gar nicht, ist jedoch nach wie vor ungeklärt.
Laura Scherber

Jede siebente Frau leidet zumindest einmal im Jahr an einer Zystitis; bei rund einem Drittel von ihnen kommt es innerhalb von sechs bis zwölf Monaten nach der Erstinfektion neuerlich zu einem Harnwegsinfekt. „Die klassischen Symptome wie Brennen und Schmerzen beim Urinieren, gehäufter Harndrang und unter Umständen eine Hämaturie können neben einem Harnwegsinfekt aber auch auf andere Erkrankungen hindeuten“, erklärt Univ. Prof. Karl Pummer von der Universitätsklinik für Urologie der MedUni Graz. Besonders bei älteren Patientinnen muss das potentielle Vorliegen eines Blasenkarzinoms in Betracht gezogen werden, das mit ähnlichen Symptomen wie der Harnwegsinfekt einhergehen kann. „An Harnwegsinfekten leiden vorwiegend Frauen, wobei es drei Altersgipfel gibt, den ersten zwischen dem 18. und 20. Lebensjahr mit dem Beginn der Sexualität, den zweiten zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr mit der Menopause und den dritten im geriatrischen Alter“, weiß Univ. Prof. Stephan Madersbacher von der Abteilung für Urologie und Andrologie des Kaiser-Franz-Josef Spitals in Wien. Weitere Risikofaktoren sind jegliche Operationen und Malformationen (zum Beispiel Operationen am Rektum, an der Blase oder Scheide), funktionelle Aspekte und das Vorliegen eines Diabetes mellitus. Bei einem Großteil der Frauen findet man allerdings keinen klaren Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Es erkranken auch Frauen, die grundsätzlich eine gute Genitalhygiene haben. „Bei Männern sind Harnwegsinfekte sehr selten. Sie gehören auch immer in die Gruppe der komplizierten Harnwegsinfekte, wobei es sich meistens um ein Entleerungsproblem handelt, das zu Infekten und auch zu Blasensteinbildung führen kann“, führt Pummer aus.

„Die Streifentests, die in der Diagnostik üblicherweise verwendet werden, sind nicht immer zuverlässig und können sowohl zu falsch positiven als auch zu falsch negativen Ergebnissen führen“, erklärt Pummer. Daher sollte im Rahmen der Abklärung immer auch eine Harnkultur angelegt werden. Bei postmenopausalen Patientinnen sollte unbedingt auch eine gynäkologische Untersuchung erfolgen, weil eine Epithelschwäche oder Zystozele ursächlich sein könnte. Von großer Bedeutung sind Madersbacher zufolge auch funktionelle Ursachen, die im Rahmen einer urologischen Untersuchung abzuklären sind. Neben der Refluxprüfung und der Bestimmung des Restharns umfasst die Abklärung die Harnflussmessung mittels Flow-Elektromyographie. Sie gibt darüber Aufschluss, wie gut die Patientin den Beckenboden bei der Miktion entspannen kann. „Der Spontanharn der Frau ist nicht immer zu 100 Prozent aussagekräftig, weshalb gerade bei adipösen Patientinnen ein Katheterharn notwendig sein kann, um verlässliche Ergebnisse zu erhalten“, erklärt Madersbacher. Werden weder funktionelle noch morphologische Ursachen für den Harnwegsinfekt gefunden, kann man davon ausgehen, dass immunologische Vorgänge oder Defekte in der Scheide, Harnröhre oder Harnblase vorliegen. Auch das Mikrobiom spielt hier eine Rolle, wie man neuerdings weiß. „Hier ist die Forschung jedoch noch ganz am Anfang“, betont Madersbacher.

Pummer zufolge ist es wichtig, den rezidivierenden Harnwegsinfekt von der asymptomatischen Bakteriurie abzugrenzen. Diese kommt besonders bei Katheterträgern, bei Männern mit Abflussstörungen oder bei postmenopausalen Frauen vor. Im Gegensatz zum rezidivierenden Harnwegsinfekt muss und soll die asymptomatische Bakteriurie nicht behandelt werden, um der Bildung von Resistenzen vorzubeugen.

Bei den therapeutischen Möglichkeiten des rezidivierenden Harnwegsinfekts hat es Madersbacher zufolge in den letzten Jahren kaum neue Entwicklungen gegeben. „Das Problem beim rezidivierenden Harnwegsinfekt ist, dass wir eben nicht wissen, warum manche Frauen das so häufig bekommen, andere vielleicht einmal im Jahr oder einmal in zehn Jahren und manche vielleicht nie“, so Madersbacher. Tritt ein Harnwegsinfekt zum ersten oder zweiten Mal auf, ist die Behandlung mit einem Antibiotikum ohne weiterführende Diagnostik üblich. „Patientinnen sollten allerdings nicht rezidivierend Antibiotika bekommen, ohne dass sie einmal in der Tiefe abgeklärt werden“, betont Madersbacher. Wird bei der urologischen Abklärung keine andere funktionelle oder morphologische Ursache gefunden, ist die Behandlung symptomatisch und durch Austesten unterschiedlicher Therapieoptionen charakterisiert. Es kommen verschiedenste Maßnahmen mit zum Großteil niedriger wissenschaftlicher Evidenz zum Einsatz: genaue Instruktionen über die Körperhygiene, häufigeres Urinieren, nach sexueller Aktivität die Blase gut entleeren und viel trinken, Nahrungsergänzungsmittel wie D-Mannose oder Cranberry, Langzeitinfektprophylaxen oder Impfungen sowie intravesikale Möglichkeiten, die Blasenschleimhaut wiederaufzubauen.

Rezidivierender HWI: Prophylaxe vorantreiben

Das in Zusammenhang mit Harnwegsinfekten häufig beworbene Basenpulver ist dagegen „zum einen obsolet, da das System im Körper durch ein Puffersystem geschützt ist und zum anderen nicht empfehlenswert, da es den Harn lediglich alkalisch macht“, so Pummer. Eine unerwünschte Alkalisierung des Harns kann auch durch den übermäßigen Verzehr von Zitrusfrüchten ausgelöst werden oder durch Bakterien, die den Harn selbst alkalisieren, um besser überleben zu können. Angesäuert wird der Harn hingegen durch den Verzehr von Bier. „Beim rezidivierenden Harnwegsinfekt ist das Entscheidende, dass man die Prophylaxe vorantreibt“, betont Pummer. Hygienebezogene Maßnahmen wie die Vermeidung einer übertriebenen Intimhygiene oder der Verzicht auf Keimreservoire wie Slip-Einlagen sind wirksam und leicht umsetzbar. Liegt hingegen eine Epithelschwäche vor, kann – sofern keine Kontraindikationen vorliegen – unter Berücksichtigung der Risiken eine lokale Östrogensalbe für den Aufbau des Epithels verwendet werden, so Pummer.

„Bei der überwiegenden Mehrzahl der Frauen wird der rezidivierende Harnwegsinfekt durch eine Kombination aus einer zu geringen Flüssigkeitszufuhr und einer zu langen Transitzeit des Harns in der Blase hervorgerufen“, weiß Pummer. Ein Miktionstagebuch über mindestens drei konsekutive Tage, in dem die Patientin die jeweilige Uhrzeit, die Trinkmengen und Harnmengen notiert, liefert wesentliche Informationen. Je nach individueller Konstitution und Umgebungsfaktoren sollte das Harnzielvolumen pro 24 Stunden zwischen 1,5 und zwei Litern betragen. Um zu seltenem Urinieren entgegenzuwirken, bietet die „Miktion nach der Uhr“ – das heißt die regelmäßige Blasenentleerung, auch wenn kein Harndrang direkt verspürt wird – eine wirksame Option, um die Transitzeit zu verringern und Harnwegsinfekten vorzubeugen, so Pummer. Die Einzelharnmengen sollten dadurch auf maximal 350 bis 400 Milliliter reduziert werden, sodass die Transitzeit in der Blase kurz ist.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2019