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Standpunkt Vize-Präs. Herwig Lindner


„Keine Zeit zum Reflektieren“

© Bernhard Noll

Immer häufiger hört man diesen Satz von Ärzten. Nachtdienste, Überstunden, Notfälle und ständig auf Abruf; der Beruf zehrt. In der Freizeit versucht man, die weniger schönen Berufs-Momente hinter sich zu lassen und neue Energie zu sammeln. Da bleibt nicht viel Zeit, um sich mit moralphilosophischen Fragen auseinanderzusetzen. Im Arztberuf spielt Ethik eine wichtige Rolle. Ethik ist das, was uns richtig oder falsch unterscheiden lässt; was wir mit unserem Gewissen vereinen können. Es geht um subjektive Grenzen, die wir mit gesellschaftlichen Normen abgleichen.

Gerade bei der Behandlung von Menschen am Lebensende sind Ärzte in ihren Entscheidungen auf ein stabiles ethisches Fundament angewiesen. Auch, weil der Abgleich mit Normen nicht immer gelingt. Normen verschieben sich und können auch von Gerichten verschoben werden. Aktuell entscheidet das deutsche Bundesverfassungsgericht über eine Klage gegen das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung.

Während des Medizinstudiums wird Ethik zwar gelehrt. Wie notwendig dieser Unterbau ist, ist einem aber noch nicht bewusst. Nach dem Studium startet man motiviert mit der Arztausbildung, die Auseinandersetzung mit ethischen Themen tritt im Berufsalltag oft zurück.

Neben Arbeitsbelastung und Verantwortung sind im Arztberuf ethische Fragen in Grenzsituationen eine zusätzliche psychische Herausforderung. Man möchte das Wohl der Patienten, sie heilen und wenn das nicht mehr möglich ist, ihr Leid nicht unnötig verlängern. Doch nicht jeder ist darauf vorbereitet und kann damit gut umgehen.

Hinzu kommt, dass Spitalsbetreiber meist nicht wahrnehmen, wie viel individueller Einsatz im Umgang mit Patienten geleistet wird, wie viele persönliche Ressourcen aufgewendet werden. Auch Ärzte brauchen Zeit zum Reflektieren, individuell oder in Form von Supervision, wie sie in vielen
Sozialberufen vorgeschrieben ist. Die Medizin in Spitälern darf nicht unter die Räder der Industrialisierung kommen. Humanismus ist keine Massenware. Bei steigenden Fallzahlen und zunehmender Arbeitsverdichtung bleibt oft zu wenig Zeit für die Entwicklung der individuellen Ethik und angewandten Ethik. Dabei sollte gerade im Umgang mit Menschen Qualität vor Quantität kommen.

Wir müssen achtsam mit unseren persönlichen Ressourcen sein und uns die Zeit nehmen, über ethische Fragen in Ruhe nachzudenken, um zum Wohl unserer Patienten die richtigen Entscheidungen zu treffen. Spitalsträger, denen Qualität wichtig ist, müssen die Rahmenbedingungen dazu schaffen.


Dr. Herwig Lindner
Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2019