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Mundbrennen: Symptom, keine Diagnose


Störungen der Mundflora ergeben sich häufig durch zu viel lokale Sterilität. Nicht immer jedoch ist die Ursache dafür im Mund selbst gelegen; Infektionskrankheiten, organische Erkrankungen und auch Nebenwirkungen von Arzneimitteln können Mundbrennen auslösen.
Laura Scherber

Beim Burning-Mouth-Syndrom handelt es sich um ein häufig vorkommendes Beschwerdebild, das mit Missempfindungen der Mundschleimhaut oder Zunge einhergeht. „Mundbrennen ist ein Symptom und keine Diagnose. Es führt zu einer Vielzahl von möglichen Ursachen, die entsprechend interdisziplinär abgeklärt werden müssen“, betont Univ. Prof. Norbert Kleinsasser von der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde Linz. Besonders häufig liegt eine Infektion der Mundschleimhaut zugrunde - ausgelöst durch Viren, Bakterien oder Pilze. „Störungen der Mundflora ergeben sich häufig durch zu viel Sterilität“, weiß Ass. Prof. Tamar Kinaciyan von der Universitätsklinik für Dermatologie in Wien. Und weiter: „Wenn man zu oft Mundspülungen verwendet, stirbt die normale Mundflora ab und andere Keime, die dort normal nicht hingehören, können wuchern“. Besonders bei älteren Patienten, die eine Prothese tragen, kann sich eine atrophische Candidiasis entwickeln, die nicht immer mit den klassischen Stippchen einhergehen muss, sondern sich auch durch Rötung und Zungenbrennen äußern kann, wie Kinaciyan berichtet. Eine weitere häufige Ursache ist Mangelernährung – vor allem Eisen-, Folsäure- oder Vitamin B12-Mangel. Dabei kann es zu einer Veränderung der Oberflächenstruktur der Zunge kommen, sodass sich eine Lackzunge ausbildet, die auch wieder ein typisches Symptom ist, das mehrere Ursachen haben kann.

Etwas weiter unten in der Häufigkeitsskala als Auslöser für Brennen im Mund rangieren Infektionskrankheiten ganz generell und organische Erkrankungen. „Jede Infektionskrankheit kann letztendlich auch eine Entzündung im Bereich der Zunge oder der Wangenschleimhäute hervorrufen“, betont Kleinsasser. Am häufigsten handelt es sich dabei um Streptokokken.

Bei den organischen Ursachen für das Brennen im Mund stehen atrophische Magenerkrankungen im Vordergrund, bei denen die Säureproduktion sowie die Leberzirrhose, die durch ihre Begleitsymptome wie Spider naevi, Ikterus an der Haut oder Aszites eindeutig von einer Eisenmangelerkrankung unterschieden werden kann. „Bei den weiteren allgemeinen Erkrankungen muss man auch an die Hypothyreose denken, die mit Missempfindungen der Mundschleimhaut einhergehen kann besonders bei Frauen und Best Ager vor allem um das 60. Lebensjahr“, weiß Kleinsasser. Weitere Autoimmunerkrankungen, an die man denken sollte, sind das Sjögren-Syndrom, das durch Atrophie der Speicheldrüsen zu Mundtrockenheit und Brennen führt, sowie Multiple Sklerose, die durch nervale Beeinträchtigung ähnliche Symptome auslösen kann. Außerdem sind im Rahmen der Anamnese eine Gastritis oder Reflux-Ösophagitis auszuschließen sowie Halswirbelsäulenprobleme oder das Peitschenschlag-Phänomen nach einem Unfall. „Auch allgemeine Hormonumstellungen wie im Rahmen des Klimakteriums können mit derartigen Symptomen einhergehen, da sich durch die geringere Hormonzufuhr die Struktur der Schleimhaut ändert und das Sekret zähflüssiger wird“, erklärt Kleinsasser.

Krankheiten, die spezifisch an der Mundschleimhaut auftreten und mit Brennen im Mund einhergehen können, sind Lichen ruber planus (Knötchenflechte), bei dem es auch zu offenen Stellen kommt, sowie Aphten. „Bei der Lingua geographica handelt es sich zwar um einen Normalzustand. Jedoch kann das ungleichmäßige Wachstum der Geschmacksknospen Missempfindungen hervorrufen“, weiß Kinaciyan. Auch durch Prothesen können sich wunde Stellen im Mund ergeben, die ein brennendes Gefühl hervorrufen. „Eine scharfe Zahnkante, die über Jahre auf eine Stelle im Mund einwirkt, kann nicht nur zu Brennen, sondern lokal zur Tumorentstehung führen“, hebt Kleinsasser hervor. Dies ist ganz besonders dann der Fall, wenn auch noch Alkohol- und Nikotinkonsum dazukommen. „Der Einfluss von Alkohols per se ist zwar umstritten“, berichtet Kleinsasser. Allerdings könne hochprozentiger Alkohol die Schleimhaut reizen und so gegenüber anderen Reizstoffen empfindlicher machen, wenn der Alkohol selbst keinen direkten Tumor-induzierenden Effekt hat.

Auch Nebenwirkung von Medikamenten

Gar nicht so selten stellt Brennen im Mund die Nebenwirkung eines Arzneimittels dar, betonen beide Experten. Am häufigsten ist dies bei Antihypertensiva – speziell bei ACE-Hemmern – der Fall sowie bei verschiedenen Psychopharmaka; hier wiederum vor allem bei trizyklischen und auch bei neueren Antidepressiva. Neben Antihypertensiva hätten besonders Antibiotika, bestimmte Anti-Allergika der älteren Generationen sowie harntreibende Präparate eine anticholinerge Wirkung, die zur Trockenheit führten, berichtet Kleinsasser.

„Können organische Ursachen ausgeschlossen werden, muss man auch an psychische Faktoren denken“, rät Kinaciyan. Nicht selten seien ältere Frauen betroffen, bei denen sich eine Depression auf diese Weise symptomatisch manifestiert. Ganz generell leiden Menschen, die psychisch belastet sind, häufiger an Mundbrennen. Das ist entweder auf ein übertriebenes Reinlichkeitsbedürfnis (zum Beispiel durch tägliches Schrubben der Zunge) oder auf Verletzungen durch ein permanentes Herumbeißen auf der Wange als Manifestation des inneren Anspannungszustands zurückzuführen. Besonders bei jüngeren Patienten äußern sich diese Spannungszustände auch durch Zähneknirschen (Bruxismus).

Ziel ist zunächst, nicht-lokale organische Ursachen auszuschließen. Laut den Experten liefern der Pilz- und Bakterienabstrich sowie die Blutuntersuchung einen Großteil der benötigten Informationen: beispielsweise über das Vorliegen von Infektionen, Störungen des Vitaminhaushalts oder einer Leberzirrhose. Weitere Untersuchungen umfassen die Halswirbelsäule und endoskopische Untersuchungen. „Wenn es sich beim Betroffenen um ein Kind handelt, sollte man prüfen, ob es zuckerkrank ist, weil diese Symptome bei einer normalen gesunden, nicht immunsupprimierten jungen Person in der Regel nicht auftreten“, betont Kinaciyan.

Kann eine Grunderkrankung ermittelt werden und wird diese gezielt behandelt, verschwindet das Brennen im Mund „in der Regel“ (Kinaciyan). Das Brennen im Mund kann auch durch den Verzehr von scharfen oder sauren Lebensmitteln ausgelöst werden. Hier kann – so wie grundsätzlich bei Mundbrennen – helfen, viel Flüssigkeit und Salbeitee zu trinken sowie auf Alkohol und Nikotin gänzlich zu verzichten. In schwerwiegenden Fällen, wenn die Patienten vor Schmerzen im Mund kaum essen können, kann ein Lokalanästhetikum in Form einer Mundspülung (Xylocain viscös) kurzfristig Abhilfe schaffen.

Soll die Mundschleimhaut hingegen nach Behandlung einer Pilzerkrankung mit einem Mykotikum gepflegt oder beruhigt werden, sind ölige Teesorten wie Salbei und Thymian gut geeignet. Alternativ kann man bei harmloseren Entzündungsformen auch eine Dexpanthenol-Mundspülung angewendet werden.

Kann im Zuge der Erst-Anamnese keine Ursache ermittelt werden oder sind die Symptome nach einer Woche noch immer vorhanden, raten die Experten zu einer Überweisung an einen Facharzt.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 17 / 10.09.2019