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ArchivÖÄZ 2019ÖÄZ 22 - 25.11.2019

Illegale Drogen: Situation immer komplexer


Die Situation rund um Abhängigkeit und illegale Drogen ist von Land zu Land oft extrem unterschiedlich. Darknet, weltweite illegale Produktionsstätten und neue Transportwege verstärken die Komplexität des Problems. Darüber berichteten Experten bei den Lisbon
Addictions Ende Oktober in Lissabon.
Wolfgang Wagner

Von 23. bis 25.Oktober fand die dritte europäische Konferenz über Suchtverhalten und Abhängigkeit statt. Titel der alle zwei Jahre stattfindenden Veranstaltung heuer war „The future of addiction – new frontiers for policy, practice and science“. Mehr als 1.300 Experten aus der Suchtforschung nahmen an dieser multidisziplinären Konferenz teil.

Einer der positiven Aspekte dieser Tagung: In Europa wurde bisher keine „Opioid-Epidemie” wie in den USA registriert. Die exakte Zahl für die EU von 2017 lautete auf 8.328 Todesfälle durch Opioid-Überdosierungen. Nimmt man die Daten von Norwegen und der Türkei dazu, sind es rund 9.500 Todesfälle. Die USA hingegen lagen 1999 bei einer Überdosis-Mortalitätsrate von rund 60 pro Million Einwohner und Jahr. 2017 waren es bereits 198 pro Million Einwohner, 2018 schließlich 217 pro Million Einwohner. Die Mortalitätsrate infolge von Drogen-Überdosierungen in Europa (EU plus Norwegen und Türkei) blieb zwischen 2007 und 2017 hingegen völlig gleich. Sie liegt bei 20 Opfern pro Million Einwohnern und Jahr – und beträgt somit ein Zehntel der US-amerikanischen Rate. Anlässlich des Kongresses wurde in „The Lancet“ eine spezielle Artikelserie unter dem Titel „Drug Use” veröffentlicht. Wie unterschiedlich die Situation in Europa und den USA ist, zeigen drei Fakten: So liegt Österreich zum Beispiel mit etwa 20.000 verbrauchten definierten Tagesdosen an Opioid-Analgetika pro Million Einwohner nach den USA (fast das Doppelte), Deutschland (27.000) und Kanada (25.000) in einem internationalen Vergleich von 25 Staaten an vierter Stelle.

Langsamer Anstieg bei Opioid-Analgetika

Eine Zeitreihe von 1992 bis 2016 zeigt einen langsamen Anstieg des Opioid-Analgetikaverbrauchs in Österreich - bis zu einem Plateau um das Jahr 2015. Die Zahl der Drogentoten (2017: 154) ist aber im Großen und Ganzen immer in ähnlicher Größenordnung geblieben; nur nach der Jahrtausendwende lag sie kurzzeitig um 200. Anders hingegen ist die Situation zum Beispiel in Schottland. Roy Robertson, Allgemeinmediziner und in der Drogenforschung an der Universität Edinburgh tätiger Wissenschafter, erklärte: „Die Zahl der mit Drogen in Verbindung stehenden Todesopfer ist in Schottland zwischen 2009 und 2018 von 545 auf 1.187 gestiegen.” In England, Schottland und Wales macht man besonders den Mischkonsum verschiedenster psychotroper Substanzen dafür verantwortlich. Bei Benzodiazepinen ist der Wirkstoff Etizolam in Großbritannien extrem auffällig geworden. Probleme mit Fentanyl aus illegaler Produktion gab es bisher in Europa nur lokal, zum Beispiel in Estland und in Skandinavien; in England war beispielsweise Yorkshire betroffen. Die Maßnahmen der Polizei und die breite Verteilung von Naloxon als Gegenmittel haben teilweise gewirkt. Die Europäische Drogenbeobachtungsstelle EMCDDA (European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction) hat bereits mehr als 30 Fentanyl-Analoga registriert, die auf dem Straßenmarkt verkauft werden. Ein möglichst niederschwelliges Versorgungsangebot für (Opiat-)Abhängige, Spritzentauschprogramme, Projekte zur Hepatitis C-Therapie und die Substitutionsprogramme sind der Schlüssel in der Schadensminimierung, hieß es in Lissabon. Gleichzeitig muss die Versorgung von Schmerzpatienten mit den notwendigen hoch wirksamen Analgetika gewährleistet bleiben.

Situation bei Cannabis


Auch bei den Cannabinoiden ist die Situation in den USA und Europa vollkommen unterschiedlich. Dazu Brendan Hughes, der für die EMCDDA im Vorjahr einen Bericht über die Situation bei medizinischem Cannabis zusammengestellt hat: „Der Begriff ,medizinisches Cannabis’ ist nicht glücklich gewählt. Wir sollten von Cannabinoiden für den medizinischen Gebrauch sprechen, von THC für die medizinische Anwendung oder von CBD etc. In Europa sind die pharmazeutischen Präparate auf diesem Markt teuer. Sie werden nur sehr restriktiv verschrieben.” Die einzige europaweite (EMA-)Zulassung für ein pharmazeutisches Produkt gibt es seit rund einem Monat für die Behandlung einer Form von Epilepsie bei Kindern. Es handelt sich um das CBD-Öl (weniger 0,1 % THC) für die zusätzliche Behandlung beim Lennox-Gastaut- oder Dravet-Syndrom in Kombination mit einer Therapie mit Clobazam. Die Konsequenz: Es besteht derzeit keine Gefahr, dass durch vermehrte Verschreibungen in der Medizin der Cannabinoid-Markt außer Rand und Band gerät. Hughes ergänzte: „Im US-Bundesstaat Colorado hat man rund 20.000 Benutzer von Cannabis aus medizinischen Gründen pro Million Einwohner, in Kanada sind es rund 4.000 und in den Niederlanden 71 pro Million Einwohner. Das sind die Relationen.”


Opioid-Krise: Europa ist anders

Der Leiter der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA), Dr. Alexis Goosdeel, sieht wenig Gefahren für „Sucht aus der Medizin” in der EU, wie er in einem Interview beim Lisbon Addictions-Kongress 2019 erklärte.

Laut der Global Burden of Disease-Studie aus 2017 gab es damals 109.500 Todesfälle durch Opioid-Überdosierungen weltweit, 43 Prozent davon in den USA. Muss man befürchten, dass die Problematik auf Europa überschwappt? Wir sehen in Europa derzeit keine solche Entwicklung. Wir haben unsere eigenen Probleme. In einigen Regionen steigt die Zahl der Drogentoten an - aber aus anderen Gründen.

Wie sieht die Situation derzeit aus? Die Situation in den USA und Europa ist sehr unterschiedlich. Wir hatten in der EU unter Einbeziehung von Norwegen und der Türkei vergangenes Jahr rund 9.500 Todesopfer durch Überdosierungen. In den USA waren es laut den letzten Zahlen in einem Jahr rund 72.000.

Woran liegt das? Die Opioid-Problematik in den USA ist zunächst auf der massenhaften Verschreibung von Opioid-Schmerzmitteln um die Jahrtausendwende entstanden. Dann stiegen Abhängige auf Heroin um.

Man spricht bereits von drei ‚Wellen‘ der Opioid-Problematik in den USA. Was kam noch hinzu? Schließlich erreichten die USA dann die synthetischen Opioide, vor allem die Fentanyle. Laut den US-Zentren für Krankheitskontrolle stirbt dort die Hälfte der Opfer von Überdosierungen an der Einnahme von Fentanylen.

Was macht die Situation in Europa anders? In Europa ist die Verschreibung der Opioid-Analgetika hingegen viel stärker reguliert und kontrolliert. Es gibt keine Arzneimittelwerbung in der Öffentlichkeit. Bezüglich der Verwendung der Opioide in der Schmerztherapie brauchen wir in Europa keine Änderungen.

Trotzdem steigt in einigen Regionen von Europa die Zahl der Drogentoten an. Woran liegt das? In Europa war und ist die Opioid-Problematik vor allem durch den Konsum von Heroin getrieben. In Schottland zum Beispiel ist Mortalität infolge von Überdosierungen gestiegen. Das ist vor allem auf den Mischgebrauch von Heroin plus anderen psychotropen Substanzen wie Benzodiazepine, Codein, Stimulantien, synthetische Cannabinoide etc. zurückzuführen.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2019