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ArchivÖÄZ 2019ÖÄZ 9 - 10.05.2019

BKAÄ: „Faden darf nicht reißen“


Dr. Christoph Kolenik, Obfrau-Stellvertreter der Kurie angestellte Ärzte in der Kärntner Ärztekammer, schloss im Januar 2019 im Rahmen seiner Ausbildung zum Allgemeinmediziner seinen Spitalsturnus ab. Im Gespräch berichtet er über positive Erfahrungen, ortet aber auch viel Verbesserungspotenzial.

Sascha Bunda

Für den Kärntner Christoph Kolenik stand ab dem letzten Studienabschnitt fest, Hausarzt werden zu wollen – wobei eine gewisse Befangenheit mitspielte: „Mein Vater ist ebenfalls Praktiker, und ich habe seit frühester Kindheit vor allem die Wertschätzung gespürt, die ihm seine Patientinnen und Patienten entgegenbringen. Dieser Umstand hat mich zunächst dazu bewogen, Medizin zu studieren. Das Ziel, selbst eine Hausarztpraxis zu führen, hat sich erst später entwickelt und war zurückblickend nur eine logische Konsequenz.“ Dass er damit gegenüber dem Großteil der Jungmediziner in der Minderheit ist, stört ihn nicht. Kolenik hat seinen eigenen Kopf, was man auch merkt, wenn er über seine Erfahrungen in der bisherigen Ausbildung zum Allgemeinmediziner erzählt. „Natürlich hatte auch ich in unterschiedlichem Ausmaß damit zu kämpfen, mit Routinetätigkeiten zugeschüttet worden zu sein, aber ich habe häufig aufbegehrt“, meint er offen. Das sei nicht immer angenehm gewesen, doch Kolenik fand einen konstruktiven Weg: „Wenn Kritik nicht in Form von Justament-Forderungen vorgetragen wird, sondern in einem verbindlichen Ton, in dem man die Verpflichtungen der Vorgesetzten und systemische Notwendigkeiten zumindest mitdenkt, erweckt man nach meiner Erfahrung das Bild eines interessierten jungen Kollegen, dem gerne entgegengekommen wird“, erzählt er. So entstünden plötzlich ungeahnte Möglichkeiten, auch in bestehenden Strukturen vieles zum Besseren zu verändern.

In den bisherigen drei Jahren seiner AM-Ausbildung überwiegen für Kolenik die positiven Erfahrungen. Die Bewertung der Ausbildung hänge für ihn viel mit dem persönlichen Ziel des jeweiligen Turnusarztes zusammen. Diejenigen, deren primäres Ziel die Facharztausbildung sei und für die der Turnus lediglich eine Absicherung darstelle, würden die AM-Ausbildung häufig wesentlich schlechter wahrnehmen als jene Jungärzte, für die eine Hausarztpraxis zumindest eine Option sei. „Der Blickwinkel auf die eigene Tätigkeit ist entscheidend für ein positives oder eben negatives Erleben“, folgert Kolenik. Unabhängig davon sieht der Kärntner noch viel Verbesserungspotenzial: „Zunächst fehlt es in den allermeisten Fällen gleich zu Beginn der Tätigkeit an einer neuen Abteilung an einem Gespräch mit den Ausbildungsverantwortlichen“, sagt Kolenik. Die Führung durch alle Stationen und Ambulanzen, die es teilweise gebe, greife nicht tief genug. Bereits am ersten Tag müsste gemeinsam das jeweilige Ausbildungskonzept besprochen werden. Inhalte und die Erwartungen sowohl von Auszubildenden, aber auch des Stammteams müssten abgeklärt werden. „Man darf hierbei nicht übersehen, dass man ja auch bezahlter Angestellter ist, zugleich besetzt man aber auch eine Ausbildungsstelle. Diese sich beinahe konträr gegenüberstehenden Positionen gilt es in ein ausgewogenes Gleichgewicht zu bringen“, sagt Kolenik, der derzeit aber einen deutlichen Überhang der dienstlichen Verpflichtungen sieht. Die immer geringer werdende Zahl an Turnusärzten hätte dieses evidente Problem noch verschärft. „Das Problem muss allerdings gemeinsam gestemmt werden, in jedem Krankenhaus, an jeder Abteilung, im Tagesgeschehen heute genauso wie mit Blick auf die zukünftige Versorgung. Das kann nur im Gespräch auf Augenhöhe gelingen“, so Kolenik.

Strukturelle Veränderungen im Aufgabenbereich von Turnusärzten sollten den Fokus auf das Vermitteln von Entscheidungskompetenz legen. Das Begleiten von Visiten etwa sei gerade zu Beginn der Ausbildung sehr lehrreich, könne und dürfe allerdings nicht die einzige Quelle der Wissensvermittlung sein. „Vieles scheint in der Beobachtung erfahrener Kolleginnen und Kollegen klar, der Pfad von der Diagnostik hin zur Therapieentscheidung ist dabei aber bereits vorgegeben. Man scheitert später an Banalitäten, wenn nicht sukzessive und mit Augenmaß das Übernehmen von Verantwortung gefordert, gelehrt und gelernt wird. Aus meiner Sicht ist daher der Schwerpunkt auf die Arbeit in der Ambulanz zu legen, welche letztlich im Wesen auch dem Tätigkeitsprofil eines Allgemeinmediziners entspricht“, rät Kolenik.

Dass laut einer BKAÄ-Umfrage 2017 die Zufriedenheit mit der AM-Ausbildung im Vergleich zu 2013 um 0,24 Prozentpunkte gestiegen sei, hat auch Kolenik verfolgt. Unabhängig von der Signifikanz gehe die Tendenz der letzten Jahre in die richtige Richtung: „Ich glaube, dass der Diskurs an sich schon etwas bewirkt, in den vergangenen Jahren war die AM mehr Thema als zuvor, zumindest in meiner Wahrnehmung. Der Faden darf jetzt nur nicht reißen.“ Zweifelsohne die größte Verbesserung der neuen Ausbildungsordnung sei die Implementierung der Lehrpraxis. „Hierzu fehlen noch die Daten, aber die ersten mir bekannten Rückmeldungen sind durchwegs positiv“, meint Kolenik.

Seitens der Bundeskurie nimmt man Koleniks Erfahrungsbericht mit Interesse entgegen. „Die Wichtigkeit eines fundierten Ausbildungskonzeptes wurde uns immer wieder als Top-Qualitätsmerkmal für eine gute Ausbildungsbewertung genannt“, meint Karlheinz Kornhäusl, Obmann-Stellvertreter der Bundeskurie angestellte Ärzte und Turnusärzte-Vertreter. „Die fundierten und konstruktiven Anmerkungen des Kollegen geben uns Rückenwind bei unserem Einsatz, die Spitzenqualität der heimischen Ausbildung zu sichern.“ Bundeskurienobmann Harald Mayer betont, wie wichtig die Ausbildungsqualität für den Standort Österreich ist: „Wir brauchen alle Argumente, die wir bekommen können, um Jungärzten eine Beschäftigung hierzulande schmackhaft zu machen. Die Ausbildung der jungen Kolleginnen und Kollegen darf sich keinesfalls auf Administration und Dokumentation beschränken. In Anbetracht der Tatsache, dass uns durch die bevorstehende Pensionierungswelle eine unfassbare Menge Know-how für immer verloren zu gehen droht, ist Zeit für gute Ausbildung wichtiger denn je.“



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.05.2019