Logo Aerzteverlagszeitung
ArchivÖÄZ 2019ÖÄZ 9 - 10.05.2019

Oberösterreich: Mentoring für Jungärzte


Umfassend informiert

Jungärzte in Oberösterreich haben im neuen Ärzte-Mentoringprogramm die Möglichkeit, schon früh während ihrer Ausbildung mit erfahrenen Hausärzten zusammenzuarbeiten. Dabei geht es nicht nur um Medizinisch-Fachliches, sondern auch um die Vorbereitung auf das Management und die organisatorischen Aufgaben, die eine eigene Ordination mit sich bringen.

Ulrike Haider-Schwarz

Konkret heißt das: vor allem den Alltag in einer Ordination kennenlernen, sich mit Kollegen aus der Praxis fachlich und organisatorisch austauschen und in den Beruf des Hausarztes hineinschnuppern. Hinter dem Mentoringprogramm steht ein klares Ziel: Man will mehr Nachwuchs für die Allgemeinmedizin und in weiterer Folge mehr Ärzte für den Beruf des Hausarztes gewinnen. Die Erfahrenen wollen so auch die Nachfolge ihrer Ordinationen sichern. Wolfgang Ziegler, Kurienobmann-Stellvertreter der niedergelassenen Ärzte in Oberösterreich formuliert es folgendermaßen: „Es geht darum, Jungärzten die Angst vor der Niederlassung zu nehmen und auf die Aufgaben in der eigenen Ordination vorzubereiten.“ Der Austausch zwischen den erfahrenen Allgemeinmedizinern und den Jungärzten beschränkt sich daher nicht ausschließlich auf den fachlich medizinischen Bereich, in Oberösterreich setzt man verstärkt auf die Vorbereitung auch in Hinblick auf das Management und die organisatorischen Aufgaben, die eine eigene Ordination mit sich bringen.

Vor 31 Jahren, als Ziegler seine Praxis eröffnet hat, waren die Rahmenbedingungen noch andere: „Als ich damals angefangen habe, habe ich mir ein Stethoskop, ein kleines Labor und einen Schreibtisch gekauft. Ich habe in einer Gemeindewohnung meine Praxis eröffnet. Heute schaut es so aus, dass Sie ein behindertengerechtes WC bauen, um das herum eine barrierefreie Praxis errichtet wird. Dann erkundigt man sich, was von Seiten der Hygieneverordnung einzuhalten ist, von Seiten des Qualitätsmanagements, von Seiten der Datenschutzgrundverordnung oder der Registrierkasse usw. Davor haben viele Angst, denn es ist viel komplizierter geworden, sich niederzulassen .“ Das Mentoring soll eine gewisse Sicherheit schaffen, bessere Information und eine bessere Ausbildung, was die Niederlassung betrifft, bieten. Viktoria Nader, Kurienobmann-Stellvertreterin der angestellten Ärzte und Obfrau der Sektion Turnusärzte der Ärztekammer ergänzt: „Während der Ausbildung wird kaum davon gesprochen, wie man eine Praxis führt, was Buchhaltung ist oder wie man als Selbstständiger abrechnet.“ Das sieht auch Ziegler so: „Wir haben in Oberösterreich versucht, das Programm von einem reinen Ersatz für die oft mangelhafte Ausbildung im Krankenhaus und im Studium darauf hinzuziehen, was sonst noch fehlt wie zum Beispiel Gesetzeskunde und Rechtswesen, Personalmanagement usw., weil genau das in der Ausbildung auch so sehr fehlt.“ Außerdem seien es oft Frauen, die vor einer eigenen Praxis zurückschrecken, weiß Nader: „Sie denken, dass sich eine eigene Ordination nicht mit der Familienplanung vereinbaren lässt. Das Mentoring-Programm ist ein guter Weg, um ihnen die Scheu zu nehmen.“

Große Chance für Allgemeinmedizin

Nader sieht außerdem eine große Chance für die Allgemeinmedizin als solche. Ihren Aussagen zufolge sei die Universität Linz sehr bemüht, die Allgemeinmedizin besser zu integrieren – wenn sie selbst aber davon überzeugt ist, dass die Allgemeinmedizin schon im Studium und in der Ausbildung ganz generell vernachlässigt werde. „Dieser Teil der Ausbildung wird stiefmütterlich behandelt, während hingegen die Ausbildung im Krankenhaus immer ein großes Thema ist“. Da sei es naheliegend, dass das Interesse für die Spezialfächer eher geweckt werde als jenes für die Allgemeinmedizin. „Insofern ist das Mentoringprogramm eine hervorragende Möglichkeit, dieses medizinische Feld kennenzulernen und eine Chance für die Allgemeinmedizin, sich zu präsentieren“, ist Nader überzeugt.

Seit März dieses Jahres läuft das von der oberösterreichischen Gebietskrankenkasse, der Ärztekammer für Oberösterreich und dem Land Oberösterreich initiierte Programm; es umfasst sowohl Medizinstudenten der Johannes Kepler Universität als auch Ärzte, die sich an einem oberösterreichischen Lehrkrankenhaus in Ausbildung befinden. Die Ärztekammer hat die Rahmenbedingungen und Inhalte des Programms ausverhandelt, die OÖGKK übernimmt das Management, die Honorierung und den Aufbau der Listen, über die Mentoren und Mentees zusammenfinden, und das Land Oberösterreich ist als Spitalsträger, gemeinsam mit den anderen Spitalsträgern, für die Freistellung der Ärzte verantwortlich. Etwa 30 Allgemeinmediziner finden sich bereits auf der im Aufbau befindlichen Liste. Das „Matching“ erfolgt individuell zwischen Mentor und Mentee.

Mentees können während der postpromotionellen Ausbildung einen Tag pro Quartal bei einem der teilnehmenden niedergelassenen Vertragsärzte für Allgemeinmedizin einen Schnuppertag absolvieren. Idealerweise wählt der Mentee einen Mentor, bei dem auch die Lehrpraxis absolviert werden soll. Für diesen Schnuppertag werden die Mentees von den Krankenanstalten für einen Tag pro Semester freigestellt. Ein zweiter Schnuppertag pro Semester freiwillig und in der Freizeit des Mentees ist möglich. Neben den Schnuppertagen führt der Mentor auch individuelle Gespräche wie zum Beispiel Fallbesprechungen und zur Unterstützung des Ausbildungsverlaufs. Diese Mentoringgespräche werden entsprechend honoriert, die Abrechnung erfolgt über die Ärztekammer Oberösterreich. Für die Schnuppertage in der Ordination ist kein gesondertes Honorar für die Mentoren vorgesehen. Die inhaltlichen Schwerpunkte des Mentoringprogramms konzentrieren sich auf die Abläufe einer Hausarztpraxis mit Kassenvertrag, auf das Praxisteam und dessen Aufgaben wie zum Beispiel Administration, IT usw. Die Mentees sollen ausgewählte Patienten kennenlernen und bei Untersuchungen und therapeutischen Handlungen zusehen, sie sollen erste Hausbesuche begleiten und die Möglichkeiten der Alten- und Pflegeheim betreuung vermittelt bekommen. Jungärzte in Ausbildung können unter der Aufsicht des Arztes Anamnesegespräche führen und in ausgewählten Fällen selbst tätig werden.

Ein Mentor betreut maximal zwei Mentees, was eine hohe Qualität des Mentorings gewährleisten und vor allem auch die persönliche Beziehung zwischen Mentor und Mentee stärken soll. Zusätzlich werden für die Mentees Seminare während der post-promotionellen Ausbildung angeboten, die Themen wie Leitlinien und Qualitätszirkel in der Allgemeinmedizin, Hausbesuche, Alten- und Pflegeheimbetreuung, Präventivmedizin, interdisziplinäre Zusammenarbeit, Disease Management, Kassenverträge, Praxisorganisation oder auch Medizinrecht behandeln.

Medizinstudenten sollen als Mentees den Praxisalltag einer Ordination ebenfalls bei Schnuppertagen kennenlernen. Einen halben Schnupper-Tag pro Semester können die interessierten Studierenden schon ab dem zweiten Semester bei einem teilnehmenden niedergelassenen Vertragsarzt für Allgemeinmedizin absolvieren. Im Klinisch-Praktischen-Jahr können sie außerdem an Mentoring-Seminaren für Ärzte in Ausbildung teilnehmen. Die Kosten dafür übernehmen Ärztekammer Oberösterreich und die oberösterreichische GKK.

Mentoren

Alle Allgemeinmediziner mit einem Kassenvertrag in Oberösterreich können sich in die Mentorenliste eintragen und so am Programm teilnehmen. Als Mentor, der ausschließlich Medizinstudenten betreut, ist keine zusätzliche Fortbildung notwendig, für das Mentoring von Ärzten in Ausbildung ist die Lehrpraxisbewilligung nötig und die Mentoreneinschulung, die von der Medizinischen Fortbildungsakademie (MedAk) der Ärztekammer Oberösterreich in Linz angeboten wird. Für die Ärzte ist die Fortbildung kostenlos; die Kosten dafür übernehmen die Ärztekammer Oberösterreich sowie die oberösterreichische GKK.

Die ersten Mentoren haben diese dreistündige Fortbildung zum Mentor, in der organisatorische Fragen und der Ablauf des Programms geklärt werden, bereits absolviert. Ende Mai findet die nächste Mentorenfortbildung statt. Ziegler sieht neben den Vorteilen für die Jungärzte auch einen wichtigen Aspekt für die Mentoren: „Ich denke, dass ein niedergelassener Allgemeinmediziner, der sich gegen Ende seiner Berufslaufbahn befindet, durch das Mentoring-Programm einen Nachfolger für seine Ordination finden kann.“



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.05.2019