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ArchivÖÄZ 2019ÖAZ 5 - 10.03.2019

BKNÄ: „Da hat jemand die Rechnung ohne den Wirt gemacht“


Eine IHS-Studie über angebliche Ärzte-Einkommen hat für einiges Aufsehen gesorgt. Dr. Johannes Steinhart, ÖÄK-Vizepräsident und Bundeskurienobmann niedergelassene Ärzte, erklärt im Interview, was dahintersteckt.


Das Institut für Höhere Studien hat im Auftrag des Hauptverbands der Sozialversicherungen erhoben, wie viel Ärzte angeblich verdienen. Kassenärzte würden dabei mit im Schnitt knapp 143.000 Euro pro Jahr besser abschneiden als Wahlärzte oder Spitalsärzte. Berechnet wurde das Einkommen vor Steuern und nach Abzug der Sozialbeiträge. Wie kommentieren Sie dieses Ergebnis?
Wenn eine vom Hauptverband beauftragte Studie, die Kassenärzten üppige Einkünfte nachweisen möchte, im Vorfeld großer und umfänglicher Kassenverhandlungen an die Medien gespielt wird, dann ist alles sehr durchsichtig. Besonders verräterisch ist ein Satz von Studienautor Thomas Czypionka im ORF: Angesichts der hohen Einkünfte im niedergelassenen Bereich seien die monetären Spielräume gering, um Anreize zu setzen, Vertragsarzt zu werden. Übersetzt heißt das: Die Ärztekammer soll sich bloß nicht einbilden, künftig höhere Honorare zu verlangen, damit zusätzliche Ärzte zu einem Kassenvertrag motiviert werden, weil das eh nichts nützt. Aber da hat jemand die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Und wie kommentieren Sie die angegebene Höhe der Einkünfte?

Das IHS hat diese Studie basierend auf Annahmen gemacht und keine Echtzahlen verwendet, die Berechnungen wurden für das Jahr 2015 angestellt – das ist also alles nicht mehr ganz neu. Die Durchschnittszahlen, die häufig zitiert wurden, sind insofern irreführend, als sie die Vielfalt in der Realität nicht abbilden. Das IHS selbst räumt große Unterschiede zwischen den einzelnen Fächern ein. Es gibt nicht nur Fächer mit höherem und weniger hohem Investment, was natürlich auch berücksichtigt werden muss, sondern auch beträchtliche Einkommensschwankungen innerhalb einzelner Fächer. Da müssen wir ansetzen.

Wie soll das geschehen?
Unterdotierte Leistungen müssen nach oben angepasst werden. Schlechter dotierte Fächer müssen an das Niveau besser honorierter herangeführt werden. Regionale Gegebenheiten, die zu finanzieller Schlechterstellung führen, müssen bei den Honoraren berücksichtigt werden. Die „Patientenmilliarde“, die die Kassenreform bringen soll, sollte auch dafür genützt werden.

Die Studie meint auch, dass Kassenärzte am Land mehr als jene in der Stadt verdienen und dass eben bessere Honorare keine zusätzliche Sogwirkung bewirken würden.
Auch hier gilt: Landarzt ist nicht gleich Landarzt. Natürlich gibt es auf dem Land auch größere Arztpraxen mit großen Einzugsgebieten, die schon aufgrund des Landärztemangels mit sehr hohem Fleiß enorme Arbeitsvolumina bewältigen müssen. Die vom IHS genannten Beträge sind nur durch sehr hohe Patientenzahlen zu erklären, weil die Einzeltarife nicht so hoch sind. Natürlich betreuen Landärzte ihre Patienten, wenn diese das brauchen. Aber nicht jeder ist über diese Arbeitslast glücklich. Und dann gibt es natürlich auch kleinere Arztpraxen in entlegenen Regionen, wo von hohen Einkünften nicht die Rede sein kann. Wenn bei solchen Kollegen dann auch noch die Hausapotheke in Gefahr ist, darf man sich nicht wundern, wenn sie ans Aufhören denken und keinen Nachfolger finden.

Welche politischen Schlussfolgerungen ziehen Sie aus der IHS-Studie?
Diese Studie ist Polit-Marketing ohne Erkenntniszuwachs. Will man etwas gegen den Ärztemangel tun, dann geht es zum einen um bessere Rahmenbedingungen der niedergelassenen Tätigkeit. Also zum Beispiel flexiblere Arbeitsbedingungen und weniger Bürokratie. Die Einkommen in Österreich dürfen aber auch nicht schlechter als in vergleichbaren Ländern, insbesondere Deutschland und der Schweiz, sein. Sonst werden auch weiterhin viele Ärzte abwandern, und müssen dafür nicht einmal eine zusätzliche Fremdsprache erlernen.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 5 / 10.03.2019