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USA: Zuckersteuer wirkt


Der Zuckerkonsum über Getränke gilt in den USA inzwischen als treibender Faktor dafür, dass die Zahl der Übergewichtigen steigt. Acht US-Städte haben bislang Steuern auf zuckerhaltige Getränke eingeführt. So konnte beispielsweise in Philadelphia der Konsum von gezuckerten Getränken um 40 Prozent reduziert werden.
Nora Schmitt-Sausen

Große Portionen, viel Fastfood und ganze Landstriche, in denen es eine Herausforderung darstellt, an gesunde Lebensmittel zu kommen: Die Ernährungssituation von großen Teilen der US-amerikanischen Bevölkerung gibt Gesundheitsexperten seit Jahren viel Raum für Kritik. In der jüngeren Vergangenheit rückte – wie in vielen anderen Ländern der Welt – der hohe Zuckerkonsum der US-Amerikaner in den Blickpunkt und hier vor allem ihr Hang, zu oft und zu viele zuckerhaltige Getränke zu trinken. Sechs von zehn US-Jugendlichen und fünf von zehn Erwachsenen greifen zu Cola, Limonade, Energy Drinks und Co – täglich. Viele von ihnen nehmen allein über die Getränke die Kalorienmenge auf, die für die gesamte Ernährung täglich empfohlen wird.

Was den Konsumenten allerdings wohl nicht bewusst ist: Der Zuckerkonsum über Getränke gilt in den USA inzwischen als treibender Faktor dafür, dass die Zahl der Übergewichtigen steigt. Denn die süßen Getränke sind nach Angaben der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) die zentrale Quelle für extern zugeführten Zucker in der Ernährung. Und das hat Folgen: „Das regelmäßige Trinken von gezuckerten Erfrischungsgetränken ist verbunden mit Gewichtszunahme und Fettleibigkeit, Diabetes mellitus Typ 2, Herz-, Leber- und Nierenerkrankungen, Karies und Gicht“, heißt es vonseiten der CDC.

Acht US-Städte haben bislang Steuern auf zuckerhaltige Erfrischungsgetränke eingeführt; dies gilt als Erfolg versprechender Weg, um den Konsum der süßen Getränke zu reduzieren. Darunter sind Großstädte wie Seattle an der Westküste, Philadelphia an der Ostküste oder in Kalifornien der Pionier Berkeley, wo am 1. März 2015 als erstes in den USA eine Steuer etabliert wurde.

Wie in anderen Ländern, die eine solche Steuer eingeführt haben, zeigt sich auch in den USA, dass diese Maßnahme zu den gewünschten positiven Ergebnissen führt. In Philadelphia beispielsweise ist der Konsum von gezuckerten Getränken um 40 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig ist der Konsum von Wasser in Flaschen um 58 Prozent gestiegen. In Seattle spült die Steuer in diesem Jahr mehr als 20 Millionen Dollar in die Kassen, berichtet die New York Times. Das Geld soll in Initiativen zur frühkindlichen Ernährungsbildung und Programme investiert werden, die sozial Schwachen einen Zugang zu gesunden Lebensmitteln ermöglichen.

Die Debatte über eine Steuer auf zuckerhaltige Süßgetränke wird in den USA inzwischen landesweit geführt. Dass bislang jedoch erst wenige Städte und Gemeinden eine solche durchsetzen konnten, ist vor allem einem geschuldet: der großen Gegenwehr der Industrie, die in mehreren Bundesstaaten die Besteuerung verhinderte. Sie steckt beim Kampf um ihre Marken Millionen in Kampagnen, die darauf abzielen, die Stimmung in der Bevölkerung gegen eine solche Steuer zu schüren und lokal Regierungen daran zu hindern, Gesetze aufzusetzen. Allein rund um die Kongresswahlen im November 2018 flimmerten in den Bundesstaaten Washington und Oregon unzählige Werbespots in die Wohnzimmer der US-Amerikaner. Der Wert der Kampagne belief sich nach Angaben der New York Times auf 25 Millionen Dollar.

Dass sich die Lebensmittelindustrie zur Wehr setzt, ist nicht neu. Schon in den Jahren zuvor wurde sie immer aktiv, wenn es um Bemühungen ging, das Konsumverhalten der US-Amerikaner zu ändern. Die Industrie torpedierte – oft erfolgreich – Versuche, den Verkauf von zuckerhaltigen Getränken an Schulen zu stoppen, die für Kinder zugängliche TV-Werbung einzuschränken und die Portionsgrößen zu verkleinern. Immerhin: Auf freiwilliger Basis haben sich einige große Konzerne darauf eingelassen, ihre Werbemaßnahmen aus dem Kinderfernsehen möglichst fernzuhalten. Im Zeitalter von Internet und Social Media sind aber längst andere Kanäle gefunden, um Heranwachsende für die zuckerhaltigen Getränke zu begeistern. In einer Analyse von Autoren der Emory Universität in Atlanta aus dem Jahr 2015 wird außerdem eingeräumt, dass der Verkauf von zuckerhaltigen Getränken an öffentlichen Schulen massiv reduziert worden sei – und die Industrie habe hier mitgezogen. Wahr ist auch: Einige Konzerne haben inzwischen mit neuen zuckerreduzierten oder zuckerfreien Produkten reagiert; dafür kommen allerdings künstliche Süßstoffe zum Einsatz.

Eine besondere Auseinandersetzung lieferte sich die Stadt New York mit der Industrie. Im Herbst 2012 verbannte die Stadt nahezu sämtliche Getränkebecher jenseits der Größe von 0,5 Liter. Nur wenige Monate später wurde dieser Bann allerdings vom obersten Gericht des Bundesstaates wieder einkassiert. Eine positive Folge hatte die Niederlage: Der Streit vor Gericht trug dazu bei, die Debatte über die zuckerhaltigen Getränke in Gang zu setzen.

Das Ringen um den Konsum zuckerhaltiger Getränke hat gerade erst richtig begonnen. Mancher US-Gesundheitsexperte hat die Hoffnung, dass es irgendwann ähnliche Früchte tragen wird wie der Kampf gegen das Rauchen. Dieser wurde in den USA, dem Heimatland des „Marlboro-Cowboys“, sehr erfolgreich geführt. In kaum einem westlichen Industriestaat ist es besser gelungen, der Bevölkerung das Rauchen abzugewöhnen.



New York reduziert Zucker im Essen

Die Stadt New York spielt bei der Diskussion über gesunde Lebensmittel seit Jahren eine zentrale Rolle. Unlängst gab es einen neuen Vorstoß: Im Zuge der „National Salt and Sugar Reduction Initiative“ fordert die lokale Regierung die Industrie auf, bis 2025 den Zuckeranteil in verpackten Lebensmitteln freiwillig um 20 Prozent zu reduzieren. Der Initiative hätten sich landesweit bereits mehr als 100 lokale Behörden und Gesundheitsorganisationen angeschlossen, heißt es aus der Stadt. Ziel der Kampagne sind Lebensmittel und Getränke in 13 verschiedenen Kategorien – darunter Joghurt, Müsli und Süßigkeiten. In den USA enthalten 68 Prozent aller Industrielebensmittel Zucker.

Einen ähnlichen Ansatz hatte die Stadt bereits im Jahr 2009 gewählt, um den Salzanteil in industriell hergestellten Lebensmitteln zu reduzieren. Nach eigenen Angaben hatten sich 30 Unternehmen dem Vorhaben angeschlossen. Der Salzgehalt in vielverkauften Produkten sei zwischen 2009 und 2015 um fast sieben Prozent reduziert worden, hieß es seitens der Stadt. Ein lediglich „moderates“ Ergebnis, wie allgemein kommentiert wurde.

Dass selbst bei den gebildeten Ostküstenbewohnern Handlungsbedarf besteht, zeigt dies: Mehr als ein Viertel der erwachsenen New Yorker – und damit so viele wie seit Jahren nicht – sind laut jüngsten Erhebungen übergewichtig.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 5 / 10.03.2019