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ArchivÖÄZ 2019ÖAZ 5 - 10.03.2019

BKNÄ: Warnung vor gravierendem Fehler


Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele Ärztinnen, aber auch für immer mehr Ärzte, eine entscheidende Frage. Gerade in Zeiten des Ärztemangels müssen dringend ausreichende Optionen geschaffen werden.


Seit Gabriele Possanner als erste österreichische Absolventin eines Medizinstudiums 1897 in Wien eine Arztpraxis eröffnete, hat sich vieles getan. Heute studieren mehr Studentinnen als Studenten Medizin, mehr Frauen als Männer absolvieren das Studium, und fast jeder zweite Arzt ist eine Frau. „Das ist eine erfreuliche Entwicklung, aber natürlich gibt es auf diesem Gebiet noch vieles zu tun“, sagt Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der ÖÄK. „Ein für mich sehr wichtiges standespolitisches Ziel ist eine möglichst breite Vielfalt von Arbeitsoptionen im niedergelassenen Bereich, die es jungen Ärztinnen und Ärzten ermöglicht, ihren Vorstellungen und Prioritäten entsprechend zu leben und zu arbeiten. Zum Beispiel ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für viele Ärztinnen, aber auch für eine zunehmende Zahl männlicher Kollegen, ein besonders wichtiges Thema.“

Umfrage zu Berufsmotivation

Nach aktuellen Umfragen spielt diese Vereinbarkeit bei der Entscheidung für eine spezielle ärztliche Tätigkeit eine wesentliche Rolle. So gaben zum Beispiel bei einer von der Ärztekammer beauftragten Umfrage zum Thema Berufsmotivation 57 Prozent der Medizinstudierenden und 45 Prozent der Turnusärztinnen und -ärzte an, dass gerade die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ für sie eine Laufbahn als Hausarzt attraktiv erscheinen lasse. „Gute Arbeitszeiten und flexible Zeiteinteilung“ waren für 62 bzw. 50 Prozent in diesem Zusammenhang wichtig. „Solche Zahlen zeigen nachdrücklich, dass dieses Thema bei der Planung des niedergelassenen ärztlichen Bereiches sehr ernst genommen werden muss“, sagt Steinhart. „Die Ärztekammer fordert deshalb schon lange von der Politik und den Sozialversicherungen, geeignete Rahmenbedingungen für möglichst flexible Arbeitsmöglichkeiten für niedergelassene Ärzte zu schaffen. Die Vorbereitung der ‚Österreichischen Gesundheitskasse‘ im Rahmen der von der Politik geplanten ‚Kassenreform‘ bietet eine gut geeignete Gelegenheit, die Bundesregierung an diese Forderungen zu erinnern.“

Anstellung von Ärzten bei Ärzten

Ein aktueller Meilenstein ist in diesem Zusammenhang die Möglichkeit der Anstellung von Ärzten bei Ärzten, sagt Steinhart: „Dass ordinationsführende Ärzte jetzt Kolleginnen und Kollegen anstellen können, ist ein wichtiger Schritt Richtung familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Mit der Anstellung Arzt-bei-Arzt eröffnet sich eine zusätzliche attraktive ArbeitsOption, gerade auch für Frauen, die Teilzeit arbeiten möchten.“ Die Möglichkeit der Anstellung in einer Ordination bietet auch einen geeigneten Einstieg für Jungärzte, die nicht sofort das Risiko des Unternehmertums eingehen möchten. Steinhart: „Der Anteil weiblicher Ordinationsinhabern liegt erst bei 37 Prozent, da ist also noch ‚Luft nach Oben‘.“

Generell wünschen sich Studierende und Turnusärzte beiderlei Geschlechts vielfältige Arbeits-Möglichkeiten: Eine Umfrage zu Berufspräferenzen zeigt, dass 71 Prozent der Studierenden und 78 Prozent der Turnusärztinnen und -ärzte am liebsten selbstständig in einer Gemeinschaftspraxis arbeiten würden, 59 bzw. 52 Prozent in einer multiprofessionellen Primärversorgungseinheit, jeweils 49 Prozent selbstständig in einer Einzelpraxis und 28 bzw. 32 Prozent als angestellte Ärzte in einer Praxis. „Die Politik sollte diesen unterschiedlichen Prioritäten Rechnung tragen, indem sie im niedergelassenen Bereich eine möglichst breite Palette von Arbeits-Optionen ermöglicht“, folgert Steinhart. „Gerade in Zeiten des Ärztemangels wäre es ein gravierender Fehler, aufgrund unzureichender Optionen auf dringend benötigte Mediziner zu verzichten.“



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 5 / 10.03.2019