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ArchivÖÄZ 2020ÖÄZ 18 - 25.09.2020

Osteoporose und Komorbiditäten: Früher Hinweis: Bagatellfrakturen


Bagatellfrakturen beim Laufen, Stolpern oder Ausrutschen rund um das 40. Lebensjahr herum können ein erster Hinweis dafür sein, dass sich zehn bis 15 Jahre später eine Osteoporose entwickelt. Und nur ein Fünftel aller Frauen, bei denen eine Osteoporose diagnostiziert wurde, erhält eine adäquate Therapie.
Laura Scherber


Rund 60 Prozent aller Frauen über 75 Jahren leiden an Osteoporose. „In der Altersgruppe der über 50­Jährigen sind es rund 750.000 Personen, 600.000 davon sind Frauen“, erklärt Univ. Prof. Monika Lechleitner vom Landeskrankenhaus Hochzirl­Natters. Ganz generell besteht ein erhöhtes Osteoporose­Risiko bei entzündlichen und degenerativen Gelenkserkrankungen, bei endokrinologischen Erkrankungen (vorzeitige Menopause, Hyperthyreose, Erkrankungen der Nebenschilddrüse, Morbus Cushing, Kortisontherapie, Diabetes mellitus), Tumorerkrankungen, Malnutrition, gastrointestinalen Erkrankungen (einschließlich cholestatischer und parenchymatöser Lebererkrankungen) und COPD. Auch nach bariatrisch­chirurgischen Interventionen und nach Transplantationen erhöht sich das Risiko für eine Osteoporose. Das Risiko dafür, dass im weiteren Verlauf zusätzliche gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Schmerzen, Frakturen, Deformität, Immobilität oder Depressionen auftreten, nimmt mit dem Krankheitsverlauf zu.

Schmerzen, Frakturen und Atemnot

Die manifeste Osteoporose führt zu einer pathologischen Veränderung der Wirbelkörper und der Statik, sodass der Brustkorb relativ verkleinert wird. Die Folge sind Schmerzen, Frakturen und oft auch Atemnot – ähnlich wie bei der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung. „Manchmal dauert die Frakturheilung doppelt bis dreifach so lang. Und sehr oft heilen Frakturen nicht vollständig, sodass es zu Pseudoarthrosen kommt und damit zu fehlender Stabilität des Fuß­ oder Mittelhandknochens“, weiß Univ. Prof. Heinrich Resch von der II. Medizinischen Abteilung für Innere Medizin, Gastroenterologie, Hepatologie, Stoffwechsel­ und Entzündungsmedizin des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern Wien. Die gestörte Frakturheilung kann die Implantation einer Prothese notwendig machen. Bei älteren Menschen kommt es den Aussagen von Lechleitner zufolge vor allem zur Radiusfraktur, Femurfraktur und zu Wirbelkörperfrakturen, wobei Fragilitätsfrakturen bei Bagatelltraumata besonders gefürchtet sind. „Wichtig ist eine rasche, adäquate, chirurgische Versorgung und Schmerztherapie, um eine möglichst frühzeitige Mobilisierung der Patienten möglich zu machen“, betont die Expertin. Eine länger andauernde Immobilität erhöhe das Risiko für die Entwicklung einer Sarkopenie, für Frailty und damit für weitere Sturz­Ereignisse. Die Immobilität infolge der Osteoporose­bedingten Komplikationen könne gleichzeitig zur Zunahme des Körpergewichts – vor allem der Fettmasse – und zur Erhöhung des Risikos für die Entstehung von kardiometabolische Erkrankungen führen.

Bisphosphonate: Therapie evaluieren

Erstlinien­Medikamente bei der Therapie der Osteoporose sind Bisphosphonate. Durch ihre antiresorptive Wirkung hemmen sie die Osteoklasten und damit den Knochenabbau und ermöglichen indirekt den Knochenneuanbau. „Bisphosphonate weisen jedoch bei oraler Applikation eine schlechte Bioverfügbarkeit auf und können gastrointestinale Nebenwirkungen hervorrufen“, weiß Lechleitner. Außerdem sollte bei der parenteralen Gabe im Fall einer vorausgegangenen Fraktur ein Intervall von zwei Wochen eingehalten werden. Kontraindikation besteht bei einer deutlich eingeschränkten Nierenfunktion sowie im Hinblick auf den Zahnapparat oder das Kiefergelenk. Die Therapie mit Bisphosphonaten sollte nach einer Dauer von etwa fünf Jahren evaluiert werden – nicht zuletzt wegen des potentiell erhöhten Risikos für die Entstehung einer Kiefergelenksnekrose oder einer atypischen Femurfraktur. „Sollte sich keine zufriedenstellende Wirkung einstellen oder sollten die Bisphosphonate nicht vertragen werden, kann man sofort auf die zweite Linie umschwenken“, fügt Resch hinzu. Eine Option ist die Hemmung des Knochenabbaus mithilfe des monoklonalen Antikörpers Denosumab; die zweite Option die Stimulierung der Knochenneubildung und Knochenformation durch den Einsatz des Parathormon­Analogons Teriparatid. „Der neueste Therapieansatz, der im Begriff ist, auch bald in Österreich erhältlich zu sein, ist der Sclerostin­Antikörper Romosozumab“, berichtet der Experte. Durch die Blockade des Peptids Sclerostin wird damit neue Knochenbildung induziert. Ein weiteres Präparat ist Raloxifen, ein synthetischer nicht­steroidaler selektiver Östrogen­Rezeptor­Modulator. Dieser reduziert laut Lechleitner zwar vertebrale Frakturen, ist aber gleichzeitig nur für die Therapie der Osteoporose bei Frauen zugelassen und mit einem Risiko für thromboembolische Ereignisse assoziiert.

Neben den pharmakotherapeutischen Optionen gilt eine adäquate Kalzium­ und Vitamin D­Zufuhr als Basistherapie. „Die fünf Kalziumbringer sind Fisch, Brokkoli, Brunnenkresse, Mineralwasser und Milchprodukte“, erklärt Resch. Und weiter: „Wenn man das berücksichtigt, kommt man spielend auf die empfohlene Dosis von 1.000 Milligramm allein durch die Ernährung, ohne dass man substituieren muss“. Eine zu geringe Kalziumzufuhr in Kombination mit einem Vitamin D­Mangel führt zu einer negativen Kalziumbilanz und erhöht das Risiko für die Entwicklung eines sekundären Hyperparathyreoidismus. „Nach einer Fraktur oder bei einem hohen Risiko wird eine vorübergehende Dosiserhöhung von Vitamin D auf 2.000 Internationale Einheiten täglich empfohlen, bei einem Vitamin D­Mangel eine initiale Bolusgabe von circa 150.000 Internationalen Einheiten über einige Tage“, fügt die Expertin hinzu.

Sarkopenie frühzeitig vorbeugen

„Bewegung und Sport sind wichtig für die Knochen­ und Muskelhygiene, da nur ein starker Muskel den Knochen gesund hält“, weiß Resch. Daher werden entsprechende Turn­ und Sportprogramme bis ins hohe Alter empfohlen, nicht zuletzt, um der Sarkopenie entgegenzuwirken. „Derzeit geht man davon aus, dass nur 20 Prozent der Patienten mit diagnostizierter Osteoporose eine adäquate Therapie erhalten“, sagt Lechleitner. Die Schmerzsymptomatik und auch das Fraktur risiko führen zu einer signifikanten Einschränkung der Lebensqualität der Betroffenen. „Daher sollte die Osteoporose­Therapie gerade bei Komorbiditäten mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Osteoporose möglichst frühzeitig in das Behandlungskonzept einbezogen werden“, betont die Expertin. Bagatellfrakturen schon in jungen Lebensjahren – etwa um das 40. Lebensjahr – beim Laufen, Stolpern oder Ausrutschen können ein erster Indikator dafür sein, dass sich eine Osteoporose entwickelt. „Diese ersten Hinweise sind auch statistisch belegt: Zehn bis 15 Jahre später müssen diese Frauen davon ausgehen, dass sie eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, eine Osteoporose zu entwickeln“, berichtet Resch.

 

 

 

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 18 / 25.09.2020