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ArchivÖÄZ 2020ÖÄZ 18 - 25.09.2020

Aktuelles aus der ÖÄK: Standpunkt Präs. Thomas Szekeres

Gesundheit hat Vorrang

© Stefan Seelig


Geld regiert die Welt. Das ist nichts Neues. Im selben Atemzug geht es dann auch um Einsparungen. Aber ein Bereich sollte davon nicht betroffen sein: unsere Gesundheit. Um die pandemiebedingte Wirtschaftskrise und ihre Folgen zu überwinden, muss prioritär Geld für die Gesundheit in die Hand genommen werden. Von zusätzlichen Investitionen sind wir weit entfernt. Allein um den Status quo aufrecht zu erhalten, wird die Gesundheitsversorgung Geld benötigen. Und zwar nicht nur die Sozialversicherungen, sondern auch die Spitalsträger. Die Gesundheitsökonomen Maria Hofmarcher und Christopher Singhuber rechnen mit einem Finanzbedarf von 4,2 Milliarden Euro, für Steuer- und Beitragsausfälle, für die Bundesländer und für Investitionen in bessere Gesundheitsleistungen. Sie schlagen einen „AT4Health“-Fonds vor und fordern den Ausbau der ambulanten Versorgung durch mehr Kassenverträge und Anreize für eine breite Primärversorgung.

Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Aber eines ist klar: Es kann nicht sein, dass das öffentliche Gesundheitssystem kollabiert, weil die Sozialversicherung große finanzielle Verluste hat. Eine Gesundheitskrise darf nicht auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden. So darf beispielsweise nicht bei Präventionsmaßnahmen eingespart werden. Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, Routinekontrollen – das alles ist Teil einer sinnvollen Strategie. Wer sich beispielsweise gegen FSME impfen lässt, belastet damit weniger das Gesundheitssystem. Letztlich geht es darum, vermeidbare Krankheiten tatsächlich zu vermeiden und so Ressourcen für nicht vermeidbare Erkrankungen und Patientenfälle freizulegen. Wer präventive Maßnahmen finanziert, reduziert auch Kosten.

Der Blick ins Nachbarland zeigt: Deutschland hat uns einiges voraus. Niedergelassene Ärzte erhielten rasch Ausgleichszahlungen, damit wurde auch ihre Arbeit und ihr Engagement in Krisenzeiten respektvoll honoriert. In Österreich hingegen fließt bis heute kein Geld, dafür werden Apotheker für ihr Engagement gelobt und Ärzten wird unverständlicherweise vorgeworfen, sie hätten ihre Ordinationen geschlossen – was erwiesenermaßen nicht stimmt. Zudem wird in Deutschland ein Krankenhauszukunftsfond eingerichtet, der vom Bund mit vier Milliarden Euro befüllt wird. Die österreichische Politik sollte sich an Deutschland orientieren. Gesundheit darf nicht als alleiniger Kostenfaktor gesehen werden.

 

ao. Univ. Prof. Thomas Szekeres
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 18 / 25.09.2020