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ArchivÖÄZ 2020ÖÄZ 20 - 25.10.2020

Lehrpraxis-Umfrage: Jede Meinung zählt


Die verpflichtende und geförderte Lehrpraxis ist ein Meilenstein im Ausbau der Arztausbildung. Wie zufrieden die Ärzte in Ausbildung sowie die Inhaber von Lehrpraxen mit der derzeitigen Situation sind, wird in einer aktuellen Online-Umfrage der Österreichischen Ärztekammer evaluiert.
Sophie Niedenzu, Sascha Bunda


Am Anfang waren es noch 30, nun sind es um die 500: Die Zahl der Lehrpraxen in der Allgemeinmedizin ist seit 2015 kontinuierlich gestiegen. Denn seitdem müssen Ärzte in allgemeinmedizinischer Ausbildung im Rahmen der neuen Ärzteausbildungsordnung 2015 (ÄAO 2015) nach dem Spitalsturnus sechs Monate verpflichtend in einer von der Österreichischen Ärztekammer bewilligten Lehrpraxis oder Lehrgruppenpraxis für Allgemeinmedizin arbeiten. „Die Aufnahme der verpflichtenden und geförderten Lehrpraxis in das Gesetz ist ein wichtiger Meilenstein gewesen, um die Arztausbildung qualitativ zu verbessern“, sagt Gerald Gingold, Vorsitzender der Ausbildungskommission der Österreichischen Ärztekammer.

Im Rahmen der Lehrpraxis darf jeweils nur ein Arzt ausgebildet werden. Dieses 1:1 Verhältnis käme sowohl bei den Ausbildungsärzten, als auch bei den Ausbildnern sehr gut an, betont Gingold. Kriterien, nach denen die ÖÄK die Ausbildung in Lehrpraxen bewilligt, sind: Ausstattung der Ordination, Patientenfrequenz, Berufserfahrung, Kenntnisse der Grundlagen der Gesundheitsökonomie und die Vorlage eines schriftlichen Ausbildungskonzeptes. Lehrgruppenpraxen müssen darüber hinaus sicherstellen, dass es einen Ausbildungsverantwortlichen gibt. Der Lehrpraktikant kann für die Dauer der Lehrpraxis im Spital angestellt bleiben oder ist direkt in der Lehrpraxis angestellt. Derzeit wird die sechsmonatige Ausbildung mit je 32,5 Prozent vom Land und der Sozialversicherung, mit 25 Prozent vom Bund und zehn Prozent der Ärzteschaft gefördert, die aktuelle Förderperiode endet im Laufe dieses Jahres. Die Bundeskurie angestellte Ärzte der ÖÄK hat zuletzt in einer Resolution gefordert, die komplexe Förderung zu vereinfachen und die allgemeinmedizinische Lehrpraxis auf finanziell stabile Beine zu stellen. Es müsse eine unkomplizierte Finanzierung geben, um bürokratische Hürden abzubauen. „Die Lehrpraxis ist eine sinnvolle Ergänzung zur Ausbildung im Krankenhaus und muss daher unbedingt auch weiterhin unterstützt werden“, sagt Turnusärztevertreter Daniel von Langen.

Online-Umfrage zur Zufriedenheit

Nun hat die Österreichische Ärztekammer eine Online-Umfrage gestartet, um die Zufriedenheit mit der Lehrpraxis abzufragen. Sie richtet sich einerseits an jene, die eine Lehrpraxis in der Allgemeinmedizin gerade absolvieren oder abgeschlossen haben, andererseits an die Inhaber von Lehrpraxen. Im Fokus stehen Aufgabenprofil, Ausbildungsinhalt, Einschätzung des Lerngewinns, Management von Notfällen ebenso wie die Praxisorganisation und die Betreuung von Patienten mit chronischen Erkrankungen sowie eigenständiges Arbeiten und das Einbinden in Diagnostik und Therapie aus Sicht der Ärzte in Ausbildung. Zudem wird evaluiert, wie sehr das Ausbildungskrankenhaus den Wechsel in die Lehrpraxis unterstützt und ob man neben der Lehrpraxis auch im Krankenhaus tätig ist. Was die Zukunftspläne angeht, werden die Ärzte in Ausbildung gefragt, ob sie eher eine Anstellung oder die Selbstständigkeit anstreben. Die Online-Umfrage geht zudem der Fragestellung nach, wo Inhaber von Lehrpraxen Verbesserungsbedarf und Lücken in der Ausbildung sehen, welche Auswirkungen das Ausbilden von Lehrpraktikanten auf die Umsätze hat und wie zufrieden die ausbildenden Ärzte allgemein mit der Lehrpraxis sind. „Bis jetzt haben wir nur vereinzelt Ergebnisse zur Zufriedenheit über die Lehrpraxis aus einzelnen Bundesländern, uns fehlt allerdings der österreichweite Blick über die verpflichtende und geförderte Lehrpraxis, daher sind wir gespannt auf das Umfrageergebnis“, sagt Gingold. Es sei wichtig, dass sich möglichst viele an der Umfrage beteiligen, um valide Ergebnisse zu erzielen und die Lehrpraxis weiter auszubauen. Ziel sei es, die Lehrpraxis auch im Facharzt-Ausbildungsbereich zu etablieren: „Eine gute Ausbildung ist das höchste Gut, und die Erfahrung in der Praxis ist neben der Spitalsausbildung ein wesentlicher Bereich“, sagt Gingold. Die Ausweitung der Lehrpraxisförderung sei daher ein zentrales Thema.

Ziel der Umfrage ist es, ein aktuelles Bild darüber zu erhalten, wie es den Lehrpraktikanten und den Lehrpraxis-Inhabern mit der Umsetzung geht. „Ausbildungsevaluierung ist wichtig, weil uns sonst die Entscheidungsgrundlage für Veränderungen fehlt“, sagt auch Turnusärztevertreter Daniel von Langen. Daher werde auch regelmäßig im Auftrag der Österreichischen Ärztekammer die Basisausbildung, allgemeinmedizinische Ausbildung und Facharztausbildung evaluiert. Vor allem in Tirol wurden die Lehrpraxen hier von den Ärzten in Ausbildung mit sehr guten Noten bewertet. „Die Lehrpraxis ist ein essentieller Bestandteil in der Arztausbildung, um jungen Kollegen die Arbeit in einer Ordination näher zu bringen, auch, um die Angst zu zerstreuen, als Unternehmer zu arbeiten“, sagt von Langen. Unabhängig davon, ob der Arzt später im Spital oder in der Ordination arbeite, sei es eine Bereicherung und fördere das Verständnis für die Kollegen in der Niederlassung.

Allgemeinmediziner als Begleiter

„Die Lehrpraxen haben sich jedwedes Engagement und jede Verbesserung verdient, weil sie ein wesentlicher Teil davon sind, die Allgemeinmedizin als attraktives Fach zu positionieren“, betont auch Edgar Wutscher, Obmann der Bundessektion Allgemeinmedizin der ÖÄK. Die Lehrpraxis eröffne die Möglichkeit für angehende Allgemeinmediziner, den Beruf unter Echtbedingungen und realitätsnahe zu erfahren: „In der Ordination wird meist erst richtig klar, wie vielfältig und spannend die Allgemeinmedizin ist“, sagt er. Die stufenweise Verlängerung der Lehrpraxis, wie sie von der Österreichischen Ärztekammer lange gefordert wurde, sei daher ein wichtiges Ausrufezeichen gewesen.

In der aktuellen Online-Umfrage seien die Rückmeldungen der Lehrpraxis-Inhaber sehr wertvoll: „Sie können uns so zeigen, wo es mögliche Hindernisse gibt und helfen uns, wie wir die Lehrpraxis noch mehr verbessern können“, sagt Wutscher. Das sei auch mitentscheidend für die Zukunft der Allgemeinmedizin, die derzeit besonders unter einem Nachwuchsproblem leide. Allgemeinmediziner seien aber eine wichtige Säule des dualen Systems mit einer wohnortnahen Versorgung durch niedergelassene Ärzte und einer Versorgung in den Spitälern. Zu wenig Allgemeinmediziner würden sich auch auf die Spitäler auswirken. „Allgemeinmediziner als erste Ansprechpartner, Begleiter und Berater durch das heimische Gesundheitswesen spielen eine Schlüsselrolle in der Entlastung des intramuralen Bereichs“, sagt Wutscher.

Ausbildung verbessern

Neben der verpflichtenden und geförderten Lehrpraxis habe es in der Gestaltung der Arztausbildung weitere Erfolge gegeben, erzählt Gingold. So müssten seit der neuen Ärzteausbildungsordnung Spitäler, um als Ausbildungsstätte von der ÖÄK anerkannt zu werden, die Übernahme von Tätigkeiten gemäß dem Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) nachweisen. Damit gemeint ist, dass die Gesundheits- und Krankenpflege nach ärztlicher Anordnung medizinisch-diagnostische und medizinischtherapeutische Maßnahmen und Tätigkeiten eigenverantwortlich durchführt. Hervorzustreichen sei auch der Nachweis über gesetzeskonformes Turnusärzte-Pooling, also die abteilungs- und organisationseinheitenübergreifende Tätigkeit von Turnusärzten. Diese ist unter folgenden Bedingungen zulässig: nach Abschluss der Basisausbildung, im Rahmen der Fertigkeiten der Basisausbildung, außerhalb der Kernausbildungszeit, nur auf der Station und nicht auf der abteilungsfremden Ambulanz, unter verpflichtender Anwesenheit eines fachlich verantwortlichen Arztes und bei einer maximalen Bettenzahl von 60 bzw. 45 bei zwei bzw. drei Abteilungen. „Allein durch diese von uns gewünschten Gesetzesänderungen ist der Wert der intramuralen Arztausbildung bereits gestiegen“, sagt Gingold. Was die Allgemeinmedizin angeht, hat die ÖÄK in den Gremien einstimmig die Schaffung eines Facharztes für Allgemeinmedizin beschlossen – dieser findet sich auch im aktuellen Regierungsprogramm wieder.

Abwanderung verhindern

Eine qualitätsvolle Ärzteausbildung helfe auch, die Abwanderung von Ärzten zu verhindern, betont von Langen: „Die knappe Ressource Arzt macht nicht vor den Grenzen halt, es gibt einen starken Wettbewerb um die jungen Ärzte.“ Während noch vor dreißig Jahren die Medizinabsolventen zum überwiegenden Teil in Österreich tätig wurden und es bis heute sind, gibt es bei den jüngeren Jahrgängen einen höheren Drop-out, der bei bis zu 40 Prozent liegt. Durch den starken Personalmangel werde der Zeitfaktor immer kritischer, ergänzt Gingold: „Zeit ist derzeit der wichtigste Faktor, denn wenn Fachärzte keine Zeit mehr haben, die jungen Ausbildungsärzte zu unterrichten, ist das Ergebnis mit nicht genügend ausgebildeten Fachärzten für die Patientenversorgung fatal.“ Es sei wichtig, Ausbildungsärzte in die Personalbedarfsberechnung nicht mit einzubeziehen: „Ganz im Gegenteil, ein gewisser prozentueller Anteil der Arbeitszeit soll nicht nur der Leistungserbringung dienen, sondern allein für Ausbildungszwecke gewidmet sein – und dafür benötigen wir mehr Dienstposten“, sagt Gingold.


Lehrpraxis-Umfrage

Die aktuell laufende Online-Umfrage der Österreichischen Ärztekammer befasst sich mit der Zufriedenheit mit der allgemeinmedizinischen Ausbildung in Lehrpraxen/Lehrgruppenpraxen. Die Zielgruppe sind einerseits Lehrpraxisinhaber einer Lehrpraxis für Allgemeinmedizin, andererseits Lehrpraktikanten, die im Rahmen ihrer Ausbildung in der Allgemeinmedizin nach ÄAO 2015 bereits die Lehrpraxis absolviert haben oder derzeit in der Lehrpraxis tätig sind. Sie erhalten zu diesem Zweck von der zuständigen Landesärztekammer per Mail eine Einladung zur Teilnahme inkl. Link. Die Online-Beantwortung dauert fünf bis zehn Minuten.

 

 


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 20 / 25.10.2020