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ArchivÖÄZ 2020ÖÄZ 23/24 - 15.12.2020

BKNÄ: Interview Edgar Wutscher: „Kommunikation lässt zu wünschen übrig“


Edgar Wutscher, Obmann der Bundessektion Allgemeinmedizin, ortet grobe Mängel in der Kommunikationspolitik von Politik und Kassen. Zufrieden zeigt er sich mit der Disziplin seiner Patienten.
Sascha Bunda


Die zweite Welle an Coronavirus-Infektionen hat die niedergelassenen Ärzte wieder vor große Herausforderungen gestellt. Eine entscheidende Rolle kommt dabei auch erneut dem Kommunikationsfluss zu. Wie beurteilen Sie die Kommunikation mit Politik und Kassen? Ich muss sagen, dass die Kommunikation sowohl mit der Politik als auch mit den Kassen derzeit sehr zu wünschen übrig lässt. Überwiegend erfahren wir Allgemeinmediziner lediglich aus diversen Pressekonferenzen, was die Politik derzeit ankündigt. Ich möchte hier die Wortwahl ‚plant‘ aus sachlichen Gründen vermeiden. Ebenso werden die Vertreter der Sozialversicherung vornehmlich in Presseaussendungen wahrgenommen. Die Allgemeinmediziner sind erfreulicherweise immer das Rückgrat der medizinischen Versorgung unserer Bevölkerung. Die Bevölkerung traut uns nach wie vor und holt sich bei uns Ratschläge. Daher wäre eine direkte Kommunikation zwischen Allgemeinmedizinern und Politik sowie Sozialversicherung im Sinne einer optimalen Patientenversorgung sehr wünschenswert.

Wie gestaltet sich der Alltag bei steigenden Fallzahlen und diversen Lockdown-Ausprägungen? Trauen sich die Patienten wieder in die Ordinationen? Die Patienten erweisen sich in der überwiegenden Zahl als sehr diszipliniert. Unsere Empfehlung, sich zuerst über das Telefon anzumelden, wird in der großen Zahl befolgt. Dadurch kann das Infektionsrisiko deutlich minimiert werden. Die Patienten schätzen das sehr und besuchen die Ordinationen.

Zur Minimierung des Infektionsrisikos bedarf es einiger Sicherheitsvorkehrungen. Wie nehmen Patienten die nötigen Maßnahmen an? Die Patienten sind auch hier sehr diszipliniert: Sie rufen an und vereinbaren einen Termin. Dadurch können ein Ansturm auf die Ordination und ein voller Warteraum vermieden werden. Das empfinden die allermeisten Patienten als sehr positiv. Schließlich kommt es ja gerade ihnen wieder zugute. Unter Beachtung dieser Maßnahmen kommen sie bei minimalstem Infektionsrisiko und kurzer Wartezeit gerne zu Kontrollterminen.

Gibt es auch Patienten, die Ängste artikulieren? Und wenn ja, wovor haben sie Angst? Die Patienten orten sehr oft ein bestehendes Chaos bei der Abklärung und Betreuung von COVID­-19­-Patienten. Sie verstehen nicht, nach welchem System die Absonderung beziehungsweise Quarantäne erfolgt. Zum Beispiel, warum auch hier unterschiedliche Beginntage der Quarantäne und eine unterschiedlich lange Dauer der Quarantäne durch die Behörden angeordnet werden. Ich versuche, das zu erklären: Vom Auftreten der ersten Symptome über die Abklärung bis hin zur Zustellung des wirklichen Absonderungsbescheides sind zeitweise einige Tage vergangen – ich kann jetzt hier nur von Tirol sprechen. Die zehntägige Quarantäne beginnt jedoch ja ab den ersten Symptomen. So ist es vorgekommen, dass beim Erhalt des Absonderungsbescheides von der Quarantäne nur noch fünf Tage übrig gewesen sind. Das hat doch für große Verwirrung gesorgt. Mittlerweile geht dieser Prozess aber schon deutlich rascher über die Bühne.

Wie sehr hat die Telemedizin, insbesondere die telefonische Krankschreibung, Ihre tägliche Arbeit verändert? Die telemedizinischen Möglichkeiten und damit auch verbunden die Möglichkeit der ‚telefonischen Krankschreibung‘ trägt einen wesentlichen Teil zur massiven Reduktion des Infektionsrisikos bei. Insofern verschiebt sich die tägliche Arbeit auch in Richtung Betreuung durch das Telefon. Ich würde sagen, dass der Zeitaufwand gleich, manchmal sogar mehr ist im Vergleich zur normalen Ordination.

Als Lehre aus dem ersten Lockdown wurde vermehrt vor den sogenannten ‚Kollateralschäden‘ gewarnt. Welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht? Sehr oft ist es störend, dass Krankheitsbilder, darunter auch ernste, nicht mehr im fachärztlichen Bereich, hier vor allem an Spitalsambulanzen, abgeklärt beziehungsweise behandelt werden können. Hier zeigt sich vielleicht eine Schwachstelle unseres Gesundheitssystems. Die überwiegende Zahl der Krankheiten bezieht sich weitgehend auf die gängigen Krankheitsbilder – das heißt 90 Prozent der Beschwerden, mit denen die Patienten zu uns kommen, betreffen ganz klassische Krankheiten. Man darf nicht in den Fehler verfallen, vieles mit dem Hinweis auf Corona abzuschieben und so zu tun, als gäbe es nur noch Corona auf der Welt. Es gibt nämlich noch viele andere Krankheiten, die man ebenfalls nicht vernachlässigen darf. Umso wichtiger ist es natürlich, dass die Patienten ihre Routine­ und Vorsorgeuntersuchungen auch konsequent wahrnehmen und in die Ordinationen kommen. Es droht sonst eine unnötige Verschlimmerung der Symptome und Krankheitsverläufe, die dann erst wieder mit beträchtlichem Mehraufwand bekämpft werden müssen.

Positiv wird oft bewertet, dass sich die Menschen durch die aktuelle Situation besonders mit dem Thema Impfen befassen. Können Sie beispielsweise eine höhere Impfbereitschaft, etwa bei der Influenza, feststellen? Ich stelle in diesen Monaten wenig überraschend eine außerordentlich rege Nachfrage nach Impfungen, insbesondere nach der Influenza­Impfung, fest. Leider wird diese Nachfrage durch das herrschende Chaos um die Bereitstellung des Impfstoffes sehr strapaziert.

Wie sieht es in Ihrem Umfeld mit der Verteilung der Grippeimpfstoffe aus, welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Was sind Ihre Lösungsansätze? Bedauerlicherweise muss man sagen, dass die Zuteilung der Grippeimpfstoffe noch immer sehr schleppend verläuft. Zumindest in Tirol ist zum aktuellen Zeitpunkt die Versorgung über die Gesundheitsabteilung des Landes nun angelaufen und vor allem die Risikopatienten können geimpft werden. Die Lehre daraus ist eindeutig: Sie muss zweifelsohne sein, dass man sich zukünftig schon frühzeitig, das heißt im Frühjahr, um die Bestellung von Impfstoffen kümmert.

Wie halten Sie den Kontakt beziehungsweise wie behandeln Sie Patienten, die in Quarantäne sind? Die Frage ist im Grunde sehr schnell zu beantworten: Im Bescheid der Behörde ist nämlich ausdrücklich festgehalten, dass man sich bei Verschlechterung des Zustandes an seinen Arzt wenden kann. Dabei ist natürlich zu beachten, dass dies wieder unter Einhaltung der notwendigen Hygienevorschriften erfolgen muss, sowie nach telefonischer Terminvereinbarung mit dem Arzt.

2020 hat beinahe alle Bereiche des Lebens vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Wie haben Sie persönlich das vergangene, so turbulente Jahr erlebt – wie lautet Ihr Resümee?
Dieses abgelaufene Jahr bedeutete in sehr vielen Bereichen das Betreten von völligem Neuland. Das ganze Land befand sich im Lockdown, der Ort unter strenger Quarantäne. Dazu kam noch eine Sperre der Straße wegen eines Murenabgangs und damit eine neuerliche Umstellung der Patientenversorgung.

Erlauben Sie uns zum Jahresabschluss noch einen kurzen Ausblick: Mit welchen Erwartungen gehen Sie in das kommende Jahr 2021? Was sind Ihre Wünsche? Meine Wünsche sind diesbezüglich eigentlich recht einfach gehalten: Hoffentlich bleiben wir alle weiter gesund, ziehen die notwendigen Lehren aus der bisherigen COVID­-Krise und sehen, dass es auch wesentlich ruhiger abgehen kann. Vielleicht ist das ja nicht die schlechteste Lehre aus dem nun zu Ende gehenden Jahr.

 

 

 

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2020