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ArchivÖÄZ 2020ÖÄZ 23/24 - 15.12.2020

Horizonte: Wegen Neurasthenie nach Sistiana


Die Neurasthenie war Ende des 19. Jahrhunderts eine – vor allem in der Oberschicht – gängige Diagnose, um einen Kuraufenthalt zu rechtfertigen. Das k.u.k. Seebad Sistiana nahe Triest zählte 1909 zu den sechs wichtigsten Kurorten des österreichischen Küstenlandes.
Andreas Jüttemann*


Die Bucht zwischen Duino und Sistiana ging 1876 durch Heirat des deutschen Prinzen Alexander von Thurn und Taxis mit der aus Venedig stammenden Marie Elisabeth Karoline zu Hohenlohe an die Familie des Bräutigams über (seinen Nachfahren gehört Schloss Duino bis heute). Prinz Alexander hatte das Ziel, „dieses kleine Paradies dem allgemeinen Wohle als Seebad und klimatischen Kurort zu widmen“ und die Bucht von Sistiana für Kurgäste zu öffnen. Oberhalb von Sistiana befand sich eine fürstliche Villa, die im Auftrag von Alexander zum Berghotel umgebaut wurde. Unten, direkt an der Adria, entstand das Strandhotel.

Der Prinz ließ in Sistiana getrennte Damen- und Herrenbäder einrichten und legte eine abends beleuchtete Promenade an. In der Mitte des Ortes entstand am Hang ein großer Bergpark für die Kurgäste zum Flanieren. Es gab auch die Möglichkeit für Vergnügungsfahrten mit dem Dampfschiff, etwa zum Schloss Miramare und nach Triest. Die Anreise mit der Bahn war etwas umständlich: Der nächste Bahnhof lag im mehrere Kilometer entfernten Nabresina; allerdings konnten Kurgäste schon vor dem Ersten Weltkrieg mit Hotel-eigenen Autos abgeholt werden. Die Familie von Thurn und Taxis beauftragte Kurleiter Franz Ganzmüller mit der Organisation des Kurbetriebs und der Erweiterung des Kurorts. Dazu gehörte auch der Bau eines dritten Hotels (das sogenannte Parkhotel) mit 60 Zimmern.

Sistiana – 20 Kilometer nordwestlich von Triest – sollte in erster Linie neben „Rekonvaleszenten nach schwerer Krankheit“ (wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Patienten) vor allem Kurort für Neurastheniker sein. Neurasthenie war im 19. Jahrhundert eine „Modediagnose“: Sie taucht zwar noch heute im ICD-10 auf (F 48.0). Der Begriff wird aber kaum noch verwendet. Heute stehen depressive Erkrankungen wie die Erschöpfungsdepression („Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“, Z73; ICD-10-GM) im Vordergrund. Außerdem wird die Symptomatik nunmehr als „Burnout“ beschrieben und soll im ICD-11 ab 2022 eine eigene Diagnosekategorie bilden. Neurasthenie ist ein „Konzept mit 100-jähriger, wechselvoller Geschichte. Bis heute konnte keine einheitliche Erklärung oder Definition gegeben werden“, stellte Peltzer bereits 1977 fest.

Modediagnose Neurasthenie

Neurasthenie galt früher als eine „allgemeine funktionelle Neurose“, die „nicht auf einer makroskopisch oder mikroskopisch wahrnehmbaren Veränderung des Gewebes“ beruhte. Sie war eine in der Oberschicht gängige Diagnose, um einen Kuraufenthalt zu rechtfertigen. Symptome traten bereits bei sehr geringer Belastung auf. Die Betroffenen reagierten auf geringe oder monotone Reize in ihrem Lebensumfeld (heute wird dieser Umstand auch „Boreout“ bezeichnet). Als George Miller Beard 1869 das erste Mal von der „Neurathenia“ sprach, meinte er damit ein Konglomerat von Symptomen, die man heute einer Angststörung, Zwangsstörung oder einer Depression zuordnen würde. Alle nicht-psychotischen psychischen Erkrankungen bezeichnete man Ende des 19. Jahrhunderts schlichtweg als Neurasthenie, Hysterie oder Hypochondrie.

Sigmund Freud sah eine physische Erschöpfung des Nervensystems – besonders der Libido – vor allem bedingt durchgewohnheitsmäßige Masturbation als ursächlich für die Entstehung der Neurasthenie an, die er (neben der Angstneurose und der Hypochondrie) zu den drei Aktualneurosen zählte. Aktualneurosen entstünden durch eine unangemessene Entladung des Sexualtriebs und seien das Ergebnis mangelhafter Ich-Organisation, konstatierte er. Freedman et al. sehen in der Neurasthenie „eine Verteidigungsmaßnahme von Personen mit wenig Selbstbewusstsein, die sich in die Inaktivität flüchten, um nicht auf Konflikte reagieren zu müssen, die sie glauben nicht bewältigen zu können.“

Heilung durch Abwechslung

Durch therapeutische Anwendungen im Kurort, Zerstreuungen durch Sozialkontakte und Amüsement, aber auch schon aufgrund eines gewissen Abstands vom heimischen Umfeld sollten die reichen und inaktiven (beziehungsweise „gelangweilten“) Patienten in Sistiana Besserung erfahren. Da diese psychische Krankheit im Leistungskatalog von Kranken- und Sozialversicherungen nicht vorkam, konnten sich nur Wohlhabende Kuraufenthalte zur Behandlung bei Neurasthenie leisten. Während beispielsweise für Tuberkulöse große unpersönliche Kur- und Reha-Kliniken oder Heilanstalten eingerichtet wurden, standen für Neurastheniker viele spezielle kleine Kurhotels zur Verfügung, die den hohen Ansprüchen der zahlungskräftigen Kurgäste genügten.

Unter den Kurgästen in Sistiana waren zum Teil auch solche, die unter „Blutarmut“ litten. Damals wurde nicht nur die Anämie (also ein Mangel an Erythrozyten oder an Hämoglobin etwa durch Mangelernährung) sondern auch die „Ischämie“ als Blutarmut bezeichnet. Den Begriff Ischämie führte Rudolf Virchow ein, um eine örtliche, meist schmerzhafte Minderdurchblutung im Gewebe oder in einem Organ adäquat zu beschreiben. 

Heute gibt es in Sistiana keinen Kurbetrieb mehr. Die baulichen Reste des ehemaligen Strandhotels bilden ein verschlafenes Ortszentrum. Geschäfte, „Zerstreuungen“ und Vergnügungseinrichtungen sucht man vergebens. Die Wege des ehemaligen „Caravella“-Kurparks sind zugewachsen, die Treppen verfallen. Ein Spaziergang ohne Kletterausrüstung ist kaum noch möglich. Der kleine Strand am Hafen, der mittlerweile nur noch eine bescheidende Länge von etwa 20 Metern aufweist, ist zum Teil vermüllt.

Auf den Spuren von Rilke

Touristen kommen auf dem bekannten Rilke-Wanderweg von Schloss Duino nach Sistiana. Dieser nach dem deutschen Dichter Rainer Maria Rilke benannte Weg endet heute oberhalb des Kurparks von Sistiana. Der Weg durch den Kurpark zum einstigen Strandhotel ist kaum noch auszumachen. Rilke lebte eine Zeit lang auf Schloss Duino und verfasste hier vier von seinen zehn „Duineser Elegien“. Auch wenn Rilke 1911 mit den Kurgästen in der benachbarten Bucht von Sitiana vermutlich wenig Berührungspunkte hatte, so waren es doch die gleichen Ausgangsbedingungen, die ihn an die Karstküste zogen: Die Suche nach Ruhe und Abgeschiedenheit fernab der Großstadt. 

Das zwischen 1900 und 1909 erbaute Strandhotel, später Hotel Belvedere genannt, liegt seit viele Jahren brach und ist heute vor allem ein Ort, an dem lost-places-Interessierte Gefallen finden. Das Haus ist verfallen und wartet auf eine neue Nutzung. Im Jahr 2012 wurde das Strandhotel von den Eigentümern der Luxus-Ferienanlage „Portopiccolo“, die heute südöstlich des alten Kurbades liegt, erworben, verblieb aber in einem ruinösen Zustand. Es gab zwar Pläne, das verlassene Hotel wiederaufzubauen und Sistiana ‚wiederzubeleben‘. Das historische Gebäude ist sogar denkmalgeschützt; man hat jedoch nichts unternommen. Aktuelle Bilder und Filmaufnahmen von Drohnen geben Aufschluss über den Verfall des ehemaligen k.u.k. Kurhotels für Neurastheniker an der Adria.

Literatur beim Verfasser

*) Dr. Andreas Jüttemann,  
Institut für Geschichte der Medizin/Charité-Universitätsmedizin Berlin, Thielallee 71, 14195 Berlin-Dahlem;  
E-Mail: andreas.juettemann@fu-berlin.de

 

 

 

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2020