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ArchivÖÄZ 2020ÖÄZ 23/24 - 15.12.2020

Resilienz: "Sars-CoV-2 ist ein anti-narzisstisches Virus"


Wie man als gestärkte Persönlichkeit aus der Krise hervorgeht und warum die Bezeichnung „Generation lost“ übertrieben ist, erklärt Psychiater Univ. Prof. Reinhard Haller im Gespräch mit Manuela Warscher. Es gehe um Eigenverantwortung, aktives Zusammenhalten und nach vorne zu schauen, so der Experte. Denn: Jede Pandemie hat ein Ende.


Corona ist seit Monaten ein allgegenwärtiges Thema und man hat das Gefühl, dass es keine anderen Themen, Nachrichten oder Krankheiten mehr gibt. Welche Reaktionen ruft eine derartige Omnipräsenz in der Bevölkerung hervor?  Zunächst sollte klar sein, dass Angstparolen auf Dauer nicht erfolgreich sein werden. Angst darf kein krankhaftes Maß annehmen. Aus psychopathologischer Sicht ist es klar, dass nur derjenige, der ängstlich ist, auch vorsichtig sein wird. Das heißt, dass Psychiater immer zwischen Vorsicht und Angst unterscheiden. Dabei ist aber das richtige Maß an Angst notwendig, vor allem weil für unsere Generationen die derzeitige Ausnahmesituation ein neues unbekanntes Terrain ist.

Was macht dieses Virus mit uns als Individuum beziehungsweiseweise als Gesellschaft? Individuen reagieren völlig unterschiedlich. Viele sind ängstlich, andere blenden die Gefahr aus und bagatellisieren sie, wieder andere resignieren. Daher reicht die Wahrnehmung des Virus auch von eine ‚andere Form der Grippe‘ bis hin zu Verschwörungstheorien. Ähnlich verläuft die gesellschaftliche Wahrnehmung des Virus. War während des ersten Lockdowns noch das generelle Verständnis für die Maßnahme vorherrschend, empfindet die Gesellschaft den zweiten Lockdown und dessen Ausgangsbeschränkungen als Fußfessel. Exakt dieses Empfinden des Gebunden-Seins, Gefesselt-Seins an sein Haus oder Wohnung wird als eine Form der Strafe gesehen.

Welche Konsequenzen hat diese Wahrnehmung als ‚Strafe‘? Personen, die das Gefühl haben bestraft zu werden, resignieren oder werden depressiv. Angststörungen und damit verbundene psychosomatische Leiden wie Rückenschmerzen oder Druck im Brustbereich nehmen daher auch zu, weil Personen mehr Zeit zur Verfügung haben, sich auf diese Leiden zu konzentrieren. Umso wichtiger ist demnach, dass Patienten ihre Psychotherapie beziehungsweise andere Therapien nicht abbrechen. Die Langzeitfolgen derartiger Therapieabbrüche dürfen nicht unterschätzt werden.

Wie schätzen Sie die Suchtproblematik ein? Es stimmt, dass der Alkoholkonsum gestiegen ist, doch ich würde diese Entwicklung noch nicht als dramatisch oder problematisch einschätzen. Wichtig ist, dass weiterhin vor Rauschzuständen gewarnt und auf die Notwendigkeit von alkoholfreien Phasen hingewiesen wird. Letzteres ist essentiell, damit kein Suchtmechanismus aufkommt.

Krisen werden häufig als Chance bezeichnet. Trifft das auf Corona zu? Ich bin der Letzte, der proklamiert, das COVID super ist. Allerdings sehe ich tatsächlich zwei Aspekte, die mit dem Virus eng verbunden sind. Zunächst ist SARS-CoV-2 ein anti-narzisstisches Virus. In der Zeit vor COVID wurde der Gesellschaft vermittelt, dass dank der Globalisierung Bäume in den Himmel wachsen werden. Das Virus hat uns als Gesellschaft jetzt nachhaltiger geerdet, als wir Psychiater dies jemals vermocht hätten. Wir spüren nun, dass wir verletzlich und unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Sogar bei fast allen narzisstischen Führern hat es einen Rüttler gemacht. Weiters hat das Virus uns auf ein gesellschaftliches Problem hingewiesen, auf die Vereinsamung, auf das Gefühl verlassen zu sein, allein gelassen zu werden. Es hat sozusagen für ein Trockentraining für etwas gesorgt, das wir in der Medizin intensiver beachten müssen.

Wie kann angesichts dieser Erkenntnis die Entwicklung von einer initialen allgemeinen Unterstützungs- und Solidaritätsoffensive für Gesundheitsberufe und andererseits hin zu einer weitgehenden Ignoranz der Maßnahmen erklärt werden? Grundsätzlich wird alles, was Angst macht, bestmöglich verdrängt. Das führt zu Einstellungen, wie ‚Es ist nicht so schlimm, wir lassen uns einfach nicht erwischen‘ oder ‚lieber kurz und heftig als lang und langweilig leben‘. Finden wir nun Herausforderungen vor, für die wir keine Lösung haben, ist die Projektionsfläche unserer Angst und Unsicherheit die Politik. Tatsache ist aber, dass es die Politik nicht leicht hat. Politische Entscheidungsträger müssen einen Blindflug steuern, weil wissenschaftliche Aussagen teilweise sehr konträr sind. Demgemäß wird es schwieriger, Entscheidungen zu treffen. Die Bevölkerung hat ebenfalls keine Krisenkompetenz, weil Hungersnöte oder Pandemien bislang nicht gewütet haben. Wir sind vereinfacht gesagt gute Schönwetterkapitäne, die niemals gelernt haben, ein Schiff im Sturm zu navigieren.

Dieses Manko erklärt auch die Ignoranz? Nun, das Virus ist nichts Neues mehr. Die Leistungen der Gesundheitsberufe werden jetzt als etwas Selbstverständliches gesehen, obwohl die zweite Welle viel stärker als die erste ist und die Berufsgruppen mehr Zuspruch und Anerkennung bräuchten.

Was bedeutet dieses Virus für den Arztberuf? Die Bilder, die Ärzte in ihrer Schutzausrüstung eigentlich als Roboter zeigen, technisieren den Arzt. Wir vergessen darüber, dass Ärzte ganz normale Menschen aus Fleisch und Blut mit Ängsten, Empathie und Bedrücktheit sind. Außenstehende können nicht abschätzen, welcher Druck, weil weder die Dauer noch der Verlauf der Pandemie absehbar ist, auf Ärzten lastet. Niemand kann erklären, warum die Zahl der Infizierten so hoch ist. Es gibt keine valide wissenschaftliche Erklärung dafür, Prognosen des Frühjahres und Sommers haben sich als trügerisch erwiesen. Dazu kommt der Dauerdruck, selbst nicht ausfallen zu dürfen, weil Kliniken personell unterbesetzt sind. Damit werden sogar einfachste Dinge wie der Toilettengang wahnsinnig mühsam. Eine Berufsgruppe, die eigentlich helfen kann, kann es jetzt nicht mehr im gewohnten und gewollten Ausmaß. Das wirkt sich auf die Psyche aus. Daher sollte die Politik über Boni oder Belohnungssysteme auch für Gesundheitsberufe nachdenken – analog zur Wirtschaft.

Finden Ärzte genügend psychologische Unterstützung? Meines Wissens gibt es keine diesbezügliche Anlaufstelle für Ärzte. Es müsste auch wesentlich mehr Intervision in dieser Zeit geben. Die Verantwortung für Leben-oder-Tod-Entscheidungen muss vom Team und nicht vom Individuum getragen werden.

Und wie wirkt sich Corona auf vulnerable Gruppen wie Ältere oder Personen mit Behinderung aus? Natürlich hat sich die Vereinsamung intensiviert. Bislang waren Personen mit Behinderung gut betreut. Jetzt stehen sie nicht mehr im Fokus, vielmehr beherrscht COVID alles. Somit geraten Personen mit Behinderung ins Abseits. Die Kontaktaufnahme und Betreuung sind nicht mehr gegeben oder können nicht mehr ausreichend gewährleistet werden. Bei älteren Personen ist die Gefahr der Vereinsamung besonders groß, weil sie im Unterschied zu Jungen nicht die modernen Kommunikationsmittel nützen können. Sie sind immer stärker isoliert.

Welche Auswirkungen haben das Virus und die Pandemie auf die Jugend? Ein Teil der Jugend ist überempfindlich, das muss klar gesagt werden. Sie ließen sich noch vor wenigen Wochen und Monaten ihre Partys nicht nehmen und jetzt klagen sie über neuerliche Schulschließungen. Es ist korrekt, dass einige der Schüler stärkere Erlebnisse mit der Pandemie hatten als andere. So erlebten die diesjährigen Maturanten ihre bestandene Matura eben anders als die vorherigen Jahrgänge. Aber auch wenn dieses Erlebnis für diese jungen Leute nicht mehr nachholbar ist, muss man doch klar machen, dass sie im Unterschied zu unseren Großeltern weder Krieg noch Tod noch Gefangenschaft oder Hunger erleben mussten. Andere Generationen trafen Schicksale wesentlich härter.

Das heißt: eine ‚Generation lost‘ gibt es nicht? Richtig, das ist eine übertriebene Bezeichnung. Wir haben ja nicht seit Jahren diese Situation. Ein junger Mensch hat Kompensationsmöglichkeiten. Das ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung.

Geht man dennoch davon aus, dass eine Pandemie in der Regel zwei Jahre dauert: Was sind mögliche Folgen für Schüler der Unter- und Oberstufe hinsichtlich ihrer sozialen Kompetenz? Es wird zu einer Retardierung in diesem Bereich kommen, kein Zweifel. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich Versäumtes aufholen lässt. Um den geschätzten Philosophen Paul Liessmann zu zitieren: ‚Die Jungen haben vorher den ganzen Tag ins Handy geschaut, um direkten Kontakten aus dem Weg zu gehen. Also wird das jetzt auch nicht das Riesenproblem aufreißen.‘ Die Botschaft hier ist: Es ist eine schwierige, ungewohnte, unbekannte Zeit und Krise. Daher müssen wir Krisen- und Bewältigungskompetenzen beweisen.

Es gibt eine Corona-Müdigkeit. Rückt die Angst vor Ansteckung in den Hintergrund? Die Unberechenbarkeit des Virus und das Unvermögen, valide wissenschaftliche Aussagen zu treffen, haben dazu geführt, dass Menschen resignieren. Umso wichtiger ist es, dass man sich nicht in diese Resignation fallen lässt. Jede Pandemie hat ein Ende – so auch diese. Schlimm ist aber, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl bereits zu Beginn der zweiten Welle verloren war. Wir müssen gerade jetzt zusammenhalten. Während der ersten Welle haben alle zusammengestanden: Regierungspolitiker und Opposition, Junge und Alte etc. Jetzt gehen Tausende auf die Straße, um gegen Maßnahmen zu protestieren. Wir erleben jetzt keine ungerechte Situation, die nur Österreich trifft, sondern eine Pandemie, die als Welle über die ganze Welt schwappt. In einer Zweifel-Situation muss jeder bei sich selbst anfangen, bevor er andere kritisiert.

Also ist die Kritik an Maßnahmen der Regierung unangebracht? Im Nachhinein sieht man, dass Fehler gemacht wurden. Doch interessanterweise sind kritisierte Aussagen, wonach beispielsweise bald jeder einen COVID-Toten kennt, mittlerweile zur traurigen Wahrheit geworden. Oft wurden Aussagen zum falschen Zeitpunkt getroffen, wie etwa ‚Licht am Ende des Tunnels‘, als die Infektionszahlen angestiegen sind. Ebenso mussten Lösungen ausprobiert werden wie das Ampelsystem, um zu sehen, dass sie eben nicht das Erwartete bringen. Dabei wurde übersehen, dass es noch etwas Schlimmeres, nämlich die Riesenwelle gibt. Wir können Fehler der Vergangenheit beklagen oder aber wir setzen jetzt solidarisch die Maßnahmen der Regierung in unser aller Sinne um.

Was wird 2021 bringen? Woraus können wir Mut und Zuversicht schöpfen? Die Lösung ist nahe. Es wird eine Impfung geben. Wir müssen zusammenhalten, eine einheitliche Vorgehensweise wählen und uns individuell schützen, indem wir Abstandregeln einhalten etc. Ich appelliere an das Selbstvertrauen jedes Einzelnen. Wir können alle an der positiven Entwicklung teilhaben, indem wir Eigenverantwortung übernehmen und die Verantwortung nicht weiterschieben. Bauen wir auf unsere psychischen Muskeln und Problembewältigungskräfte. Auf diese Weise können wir als gestärkte Persönlichkeiten aus der Krise hervorgehen. Kurz: Nicht destruktive Kritik, sondern aktives Zusammenhalten und nach vorn blicken – das gilt für die nächsten Monate.

 

 

 

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2020