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ArchivÖÄZ 2020ÖÄZ 6 - 25.03.2020

Die Wiederentdeckung der Ärztinnen und Ärzte


Weniger System, mehr Freiheit!

© Bernhard Noll


Sie alle, liebe Kolleginnen und Kollegen, machen einen unglaublich tollen Job. Jede/r an ihrem/seinem Platz, gemäß der spezifischen Verantwortung, der Möglichkeiten, auch abhängig von der physischen und psychischen Verfasstheit. Auch Politik und Verwaltung haben sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten besonnen und beginnen die zentrale Bedeutung der Ärztinnen und Ärzte nicht nur zu erkennen, sondern auch zu benennen. „Der Arzt hat das letzte Wort“, hat Gesundheitsminister Rudolf Anschober bei einer der COVD-19-Pressekonferenzen gesagt.

Die globale SARS-CoV-2-Verbreitung hat den Planern ihre Grenze aufgezeigt und sie auch wieder ein Stück demütiger gemacht. Es gibt natürlich Ausnahmen. Einige wenige Schmallippige können nicht anders, als boshaft Gift zu verspritzen – breiten wir den Mantel des Schweigens über sie. Das „Danke“ einer älteren Frau hat viel mehr Gewicht als das in elegante Worte gekleidete Geschimpfe eines wohlbestallten Theoretikers. Es findet die Wiederentdeckung der Ärztinnen und Ärzte statt. Als Arzt füge ich hinzu: auch aller anderen, die ganz vorne mit und bei den Menschen ihre helfende Arbeit tun. Es ist jetzt die Zeit Profil zu zeigen, nicht die Zeit der Profilierungsversuche.

Natürlich braucht es den besonnenen planerischen Überblick. Da wird manchmal sogar zu eng gedacht, zu föderalistisch im engen Rahmen der eigenen politischen Einheit, zu zögerlich, zu sehr darum bemüht, für Feh- ler, die einfach passieren müssen in einer solchen Situation, Schuldige zu suchen, statt Lösungen. Planung muss immer im Einklang mit der Praxis stehen. Sie muss die Wirklichkeit erkennen und anerkennen. Planer müssen entscheiden, aber sie müssen auch zuhören können. Wenn das als Erkenntnis aus dieser Krise gezogen wird, können aus den Systemschwächen, die sich nur in der Praxis zeigen, die richtigen Schlüsse gezogen werden. Dann sind wir vielleicht für das nächste derartige Ereignis noch besser vorbereitet.

Die SARS-CoV-2-Pandemie belastet das System immens. Sie belastet aber genauso die Menschen, die für die Versorgung der Bevölkerung einen fast über- menschlichen Einsatz erbringen. Die Spitalsärzte in den Ambulanzen und in den Stationen, aber auch die Haus- und Fachärzte in den Regionen sind ungemein wichtig – und tröstlich für die Menschen. Camillo Bertocchi, der Bürger- meister von Alzano, der lombardischen Stadt, in der die ersten italienischen SARS-CoV-2-Fälle in Italien bekannt wurden, hat es in einem ORF-Interview so ausgedrückt: „Wir machen uns Sorgen um das Netz der Hausärzte, darüber spricht aber fast niemand“.

Wir sprechen schon darüber und fügen hinzu: All die Ärztinnen und Ärzte, aber auch andere Gesundheitsberufe, die zusammenhalten, um die SARS- CoV-2-Krise zu bewältigen, die ihre Patienten versorgen, unter oft schwierigen Bedingungen, sind die Heldinnen und Helden dieser Pandemie.


Dr. Herwig Lindner
1. Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 

 


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 6 / 25.03.2020