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ArchivÖÄZ 2020ÖÄZ 7 - 10.04.2020

Ärzte in Ausbildung: Unangezapftes Wissen


Die Ausbildung an der Neurologie am Klinikum Wels-Grieskirchen erhielt gute Bewertungen. Der Abteilungsleiter Raffi Topakian spricht über Wertschätzung und warnt vor einer möglichen Unter- und Fehlversorgung.
Sophie Niedenzu


Ihre Abteilung wurde von Ärzten in allgemeinmedizinischer Ausbildung sehr gut bewertet. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Integration ist das Zauberwort. Wir nehmen die Nachwuchsärzte freundlich und wertschätzend auf. Das fängt an mit der Begrüßung, Vorstellung und der Einführung in den neurologischen Status und Arbeitsalltag an und setzt sich mit unter Observanz durchgeführten ersten Lumbalpunktionen und ähnlichem fort. Es wird auf Augenhöhe kommuniziert, seitens des Fachpersonals werden klinische Perlen und Fallstricke oft spontan und mit einer guten Prise Humor erzählt. Die Turnusärzte nehmen Patienten auf, üben den auch für den Allgemeinmediziner so wichtigen neurologischen Status und beteiligen sich aktiv am Patientenmanagement bzw. den Falldiskussionen. Ein Teil der Ausbildung erfolgt auf der Normalstation, ein anderer Teil im Stroke Unit- und Akutneurologiesektor. Akutpatienten werden gemeinsam versorgt, während sich die Turnusärzte
bei nicht dringlichen Fällen selbst ein Bild machen und danach das Fachpersonal hinzuziehen. Diese Herangehensweise steigert das Verantwortungsbewusstsein, maximiert den Lernerfolg und macht nebenbei auch Spaß. Neben dem Bedside-Teaching gibt es regelmäßige Morgenfortbildungen und spezielle Turnusarztfortbildungen. Im Rahmen der Morgenbesprechungen halten unsere Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung Referate, etwa über eine lehrreiche Kasuistik, eine neue Leitlinie oder eine bemerkenswerte Studienpublikation. Es gibt auch ein paar ungeschriebene Regeln: So wird nach einer ersten erfolgreich durchgeführten Lumbalpunktion Kuchen mitgebracht.

Welche Herausforderungen, bezogen auf Ihr Fach, gibt es für angehende Allgemeinmediziner?
Es besteht manchmal ein fürchterlicher Respekt, eine regelrechte Neuro-Angst, am ehesten vergleichbar mit der Mathe-Phobie vieler in meiner Schulzeit. Vor diesem Hintergrund ist es besonders schlimm, dass für Allgemeinmediziner in Österreich die Neurologie kein Pflicht-, sondern nur ein Wahlfach ist. Es gibt aber sehr viele neurologische Notfälle, vom Schlaganfall über Enzephalitis bis Status epilepticus, oder auch Volkskrankheiten wie Migräne und Polyneuropathie. Von den drei Krankheiten Schlaganfall/ Parkinson/Demenz wird zumindest eines jeden dritten Mann und sogar jede zweite Frau betreffen.

Wo wird das Fehlen von neurologischem Know-how der künftigen Allgemeinmediziner hinführen?
Die Gesundheitspolitik muss hier schleunigst einen anderen Kurs einschlagen, sonst gehen wir in Richtung Unter- und Fehlversorgung von Menschen mit neurologischen Krankheitsbildern. Gibt es Maßnahmen, die aus Ihrer Sicht getätigt werden müssten, damit die Arztausbildung an Qualität gewinnt? Hinsichtlich Ausbildung hinken wir dem angloamerikanischen Raum hinterher. Dort ist die Qualität der Ausbildung entscheidend im Wettbewerb der Universitäten und Krankenanstalten um die besten Köpfe und Herzen. Die Bedeutung der Ausbildung muss bei uns weiter aufgewertet werden. Wir brauchen pädagogisch und didaktisch versierte, modernste Technologien einsetzende Lehrende, die das als strukturiertes Karrieremodell verfolgen können – entsprechend freigespielt und adäquat entlohnt. Gerade ältere Mitarbeiter hätten unschätzbar viel klinische Erfahrung weiterzugeben, dieses Know-how bleibt häufig „unangezapft“. Zu verschult sollte es aber dennoch nicht werden, Eigeninitiative und Selbstorganisation sollten belohnt werden.

Wenn Sie an Ihre eigene Ärzteausbildung zurückdenken – welche Unterschiede zu heute gibt es?
Ausbildung war früher nicht so strukturiert, es war mehr learning by doing. Und das doing war derart enorm, dass für das being nicht mehr viel Zeit blieb. Es kam sehr viel auf Eigeninitiative an. Ich habe aber das Glück, eine insgesamt gute Turnus- und Facharztausbildung durchlaufen zu haben, mit mehreren wohlwollenden Ärtztinnen und Ärzten und Vorbildern. Aber natürlich verbrachten wir früher viel mehr Zeit im Krankenhaus. Je kürzer die Kontaktzeiten von Ärzten und Patienten einerseits, und Fach- und Turnusärzten andererseits, desto schlechter ist die Kommunikation und Qualität des Geleisteten. Aber vielleicht hilft uns hier die Integration der künstlichen Intelligenz in den klinischen Alltag. KI könnte neue Zeitressourcen schaffen und helfen, die Spreu vom Weizen zu trennen, etwa in der Diagnostik und Fehlervermeidung.

 

 

 

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 7 / 10.04.2020