Logo Aerzteverlagszeitung

Zweifachkombination beim Start


Die Detektion der Hypertonie und auch die Erreichung der Zielwerte sind große Probleme bei der Behandlung der Hypertonie. Neu ist bei den Therapieempfehlungen, schon bei der unkomplizierten Hypertonie mit einer Zweifachkombination zu starten.
Laura Scherber


Wir haben sicherlich ein großes Problem hinsichtlich der Detektion der Hypertonie und auch in Bezug auf das Erreichen der Zielwerte“, berichtet Priv. Doz. Kathrin Eller von der Universitätsklinik für Innere Medizin in Graz. So erreicht nur weniger als die Hälfte der Österreicher, die an Hypertonie leiden, die geforderten Blutdruck-Zielwerte. Gleichzeitig bleibt die Hypertonie bei vielen Menschen unentdeckt. Während man bei der am häufigsten vorkommenden genetisch bedingten essentiellen Hypertonie keinen klaren Auslöser finde, stehe bei der sekundären Hypertonie die Nierenarterienstenose an erster Stelle. „Das Hauptproblem ist, dass ein hoher Blutdruck nicht weh tut und daher die Gefahr, dass ein hoher Blutdruck über lange Zeit zu erheblichen kardiovaskulären Schäden führt, einfach nicht erkannt wird“, erklärt Univ. Prof. Bruno Watschinger von der Universitätsklinik für Innere Medizin III in Wien. Dies führe dazu, dass viele Menschen zwar wüssten, dass sie einen hohen Blutdruck haben, jedoch nicht gut eingestellt seien oder ihre verschriebenen Medikamente sogar teilweise gar nicht einlösten. Während man bei Schmerzen durchaus dazu tendiere, Medikamente einzunehmen, fehle dieses Bewusstsein beim Bluthochdruck häufig, da man ihn selbst kaum wahrnehme. Ähnlich verhält es sich mit anderen Diagnosen, die in der Allgemeinbevölkerung per se Angst-besetzt sind. „Eine onkologische Erkrankung assoziiert man immer mit dem Schlimmsten – also mit dem Tod – und obwohl der Blutdruck als kardiovaskuläres Problem eine höhere Mortalität hat als jeder Tumor wird das von den Menschen nicht wahrgenommen“, hebt Watschinger hervor. Nicht immer bliebe natürlich genug Zeit für ein ausführliches Arzt-Patienten-Gespräch, weshalb der Eigenverantwortlichkeit des Patienten eine wichtige Rolle zukäme.

Je nach den Rahmenbedingungen der Blutdruckmessung werden derzeit unterschiedliche Blutdruck-Zielwerte empfohlen. „In der Ordination gelten tendenziell höhere Zielwerte als bei der Heimblutdruckmessung oder einer automatischen Messung, ohne dass ein Arzt oder das Pflegepersonal anwesend ist“, führt Eller aus. Gemäß dem Österreichischen Blutdruckkonsens 2019 sollte der Office-Blutdruck bei 130/80 mm Hg, der Blutdruck der Selbstmessung bei 125-129/70-75 mm Hg und der der unbeobachteten automatischen Office-Messung bei 120-125/70 mm Hg liegen. „Wir empfehlen, dass man sich vor der Blutdruckmessung in Ruhe hinsetzt, einer beruhigenden Tätigkeit wie Lesen nachgeht und erst nach circa zehn Minuten den Blutdruck misst“, erklärt die Expertin. Auch zu Hause sollten Patienten für die Blutdruckmessung ein Oberarmmessgerät verwenden, da Handgelenksmessgeräte aufgrund ihrer Messungenauigkeit nicht mehr empfohlen werden.

Unkomplizierte Hypertonie: neue Empfehlung

Die medikamentöse Standardtherapie hat sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert. „Neu ist die Empfehlung, dass man bei einer unkomplizierten Hypertonie gleich mit einer Zweifachkombination startet und sie je nach Komorbiditäten des Patienten entsprechend anpasst“, erklärt Eller. Dabei setze man einen ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker in Kombination mit einem Diuretikum oder einem Kalzium-Kanalblocker ein. Werden die Zielwerte mit dieser Zweifachkombination nicht erreicht, strebt man eine Dreifachkombination aus ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker plus Diuretikum plus Kalzium-Kanalblocker an. Reicht auch das nicht aus, stellen das Reserve-Antihypertensivum oder das Spironolacton zusätzliche Optionen das. Bei speziellen Indikationen können Betablocker in jeder Stufe dazugegeben werden. „Angina pectoris, koronare Herzkrankheit, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz oder Zustand nach einem Myokardinfarkt sind Indikationen, bei denen man schon frühzeitig mit einem Betablocker beginnen sollte“, resümiert die Expertin. Und auch in der Schwangerschaft seien Betablocker aufgrund ihrer guten Verträglichkeit früh einsetzbar. Die Kombination eines ACE-Hemmers mit einem Angiotensin-Rezeptorblocker werde hingegen nicht mehr empfohlen, da Studien gezeigt hätten, dass es damit vermehrt zu einem akuten Nierenversagen käme. Bei einer komplizierten Hypertonie, wenn spezielle Komorbiditäten wie Niereninsuffizienz oder Diabetes mellitus vorliegen oder wenn es mit den Medikamenten nicht funktioniert, ist eine Überweisung an den Spezialisten notwendig.

„Wichtig ist, die Zielwerte zu erreichen und das ist in den meisten Fällen nur mit einer medikamentösen Therapie möglich“, weiß Watschinger. Wie man das Ziel erreicht, sei eigentlich nicht so wichtig, da die empfohlenen Medikamente alle wirksam seien. Nicht medikamentöse Begleitmaßnahmen sind eine wichtige Unterstützung und können in seltenen Fällen bei sehr milden Hypertonieformen die Blutdruckwerte selbstständig in den Normbereich senken. Durch Lebensstil-assoziierte Maßnahmen wie körperliche Aktivität, Gewichtsreduktion bei Übergewicht, nicht zu rauchen und salzarm zu essen können die Medikamente besser wirken. Die geforderte Salzreduktion auf fünf Gramm pro Tag erreichen die meisten Patienten laut Eller allerdings erst gar nicht. Gerade bei jungen Patienten sei es außerdem wichtig, das Vorliegen einer sekundären Hypertonie umfassend abzuklären. Wenn jemand erhöhte Blutdruckwerte hat, sollte man Watschinger zufolge mit dem Beginn der medikamentösen Therapie nicht lange abwarten, unabhängig davon, ob der Patient seinen Lebensstil umstellt oder nicht. „Es ist schade, wenn man Jahre oder Monate verpasst, das Gefäßsystem durch einen niedrigeren Blutdruck schon viel früher und besser schützen zu können“, resümiert der Experte.

Kombinationspräparate vereinfachen Einnahme

Die Medikamenteneinnahme sollte in der täglichen Routine fest verankert sein, betont Watschinger. „Die tägliche gleiche Einnahme erleichtert es den Patienten und verbessert erfahrungsgemäß die Einnahmetreue, da man sich sonst manchmal nicht sicher ist, ob man die Tablette bereits eingenommen hat oder nicht“, weiß der Experte. Außerdem kann der Einsatz von Kombinationspräparaten die Einnahme vereinfachen. Denn je mehr Tabletten man pro Tag einnehmen muss, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass man welche vergisst oder sie nicht richtig einnimmt. Gleichzeitig ist es wichtig, sich ausreichend Zeit für das Arzt-Patienten-Gespräch zu nehmen und das Verständnis der Patienten für die Dringlichkeit der Blutdruckkontrolle zu erhöhen. „Der Patient muss verstehen, dass er hier etwas für die Zukunft tut und seine Zukunft dadurch selbst in die Hand nimmt und sich schützt“, hebt Watschinger hervor. Das Verständnis sei grundlegend wichtig, da die Voraussetzung für eine gute Compliance sei, dass man wisse, warum man etwas mache. „Ebenso wie die Patienten sollten auch wir als Behandelnde den Blutdruck ernst nehmen, da Probleme wie Schlaganfall, Herzinsuffizienz, Herzinfarkt, Nierenproblemen alle als Hauptfaktor den zu hohen Blutdruck haben“, betont Watschinger abschließend.

 

 

 

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 1-2 / 25.01.2021