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ArchivÖÄZ 2021ÖÄZ 4 - 25.02.2021

Interview Paul Plener: Psychisch krank durch Corona


Sowohl in Österreich als auch international ist die Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen psychisch am stärksten von der Pandemie betroffen – und zwar schwerer und akuter als vor der Pandemie. Warum das so ist, erklärt Univ. Prof. Paul Plener von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am AHK Wien im Gespräch mit Manuela C. Warscher.


Hat man die psychische Belastung der Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche zu lange unterschätzt? Es war tatsächlich so, dass während des ersten Lockdowns kaum psychische Belastungen aufgetreten sind. Erst im Laufe des zweiten und dritten Lockdowns nahmen Angststörungen und Depressionen immer stärker zu. Ich würde aber nicht sagen, dass die Belastung generell unterschätzt wurde. Vielmehr erwartete man aus der Datenlage früherer Epidemien, dass die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen ansteigen würde. Das heißt, die Rolle von Kindern und Jugendlichen in der gegenwärtigen Pandemie war lange weitgehend unklar und das war auch der Grund für die restriktiven Maßnahmen. Je länger allerdings der Lockdown oder Lockdown-ähnliche Situationen dauern, desto größer werden die psychosozialen Auswirkungen.

Was bedeutet Kind-Sein in Zeiten von Corona? Menschen sind soziale Wesen. Sozialen Kontakten kommen je nach Lebensphase unterschiedliche Bedeutungen zu. So müssen sich Jugendliche weg von der Familie hin zu Gleichaltrigen orientieren. Demnach sind Kontakte entscheidend für die Entwicklung von Adoleszenten. Kinder wiederum fokussieren stärker auf die Familie als Bezugspunkt. Diese Nähe macht allerdings den familiären Umgang mit Unsicherheit beziehungsweise die sozioökonomischen Folgen der Pandemie für sie erlebbarer. Für eine gesunde Entwicklung brauchen auch Kinder das soziale Lernen, Erfahren und Orientieren an anderen. Dabei gilt: Kontakte in sozialen Medien sind lediglich ein Surrogat und keinesfalls ein Ersatz von analogen Gesprächen.  

Trifft Corona Kinder und Jugendliche also primär psychisch? Sowohl in Österreich als auch international ist die Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen psychisch am stärksten von der Pandemie betroffen. Die psychischen Krankheitsbilder sind schwerer und akuter als vor der Pandemie ausgeprägt. Einerseits aufgrund der fehlenden sozialen Kontakte, andererseits aber auch durch die Zukunftsängste dieser jungen Leute. Sie wissen nicht, ob, wann und wie sie einen Job finden oder ein Praktikum beginnen können.

Wie werden sich die Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen während der Pandemie mittelfristig auf die Beziehung zu Eltern und andere Bezugspersonen auswirken? Abhängig von den Erfahrungen werden sich das Erlebte und die Gefühle wie Ohnmacht und Hilfslosigkeit natürlich auf Beziehungen auswirken. Noch essentieller ist allerdings, wie sich das Leben nach der Pandemie gestalten wird. Hier bin ich überzeugt, dass es eine Chance gibt, dass sich dieses Gefühl des ‚Geschafft-Habens‘ positiv auf das weitere Leben auswirken und Jugendliche psychisch gestärkt ins neue Leben treten lassen wird.

Gibt es Erfahrungen, wie Kinder mit psychischen Vor-Erkrankungen wie etwa Autismus oder Angststörungen die Situation erleben? Welche zusätzlichen Belastungen erfahren sie in der Pandemie? Das muss sehr differenziert betrachtet werden. Wenn Kinder und Jugendliche bereits vor der Pandemie mit sozialer Ängstlichkeit zu kämpfen hatten oder Erfahrung mit Mobbing gemacht haben, dann empfinden sie distance learning als positiv. Der Großteil berichtet aber von einer Verschlechterung der psychischen Verfassung, die sich vor allem in Form von Essstörungen oder Depressionen niederschlägt. Für autistische Kinder wird der Alltag durch die Isolation in der Wohnung in manchen Fällen eher kontrollierbarer. Dennoch verzeichnen wir auch hier eine Zunahme von Eskalationen mit Gewaltausbrüchen von Kindern gegenüber ihren Eltern.

Welche Bedeutung kommt dem sozioökonomischen Umfeld zu? Es gibt eindeutige Hinweise, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren und bildungsfernen Haushalten mit beengtem Wohnraum einer höheren Belastung ausgesetzt sind und mehr psychische Auffälligkeiten aufweisen als jene in bildungsnahen Familien mit ausreichendem Wohnraum.

Welche Schritte können Allgemeinmediziner und/oder Eltern setzen, um Jugendlichen und Kindern zu helfen? Eltern müssen dringend auf eine vertraute Tagesstruktur achten: Zeiten fürs Aufstehen, Spaziergang zur Tageslicht-Exposition, für Home Schooling, Freizeit, Essenszeiten etc. Diese Zeiten müssen auch strikt eingehalten werden.

Und Allgemeinmediziner? Der Allgemeinmediziner ist der primäre Ansprechpartner für  Rat suchende Eltern und auch Jugendliche. Es ist wichtig, dass der Hausarzt psychische Beschwerden, die somatisch imponieren, analysiert. Bei Depressionen imponieren beispielsweise häufig auch Schlaf- und Antriebslosigkeit sowie Schmerzsymptome. Daher sind vor allem Fragen nach der Stimmungslage und dem Antrieb aussagekräftig, um herauszufinden, ob es suizidale Gedanken gibt.

Welche Möglichkeiten sollten Allgemeinmediziner jetzt bieten? Das Wichtigste ist, dass Allgemeinmediziner nun auf Depressionserkennung setzen. Es gibt dafür auch einfache Screening-Fragebögen. Bei jeglichem Verdacht ist die Zuweisung zur Psychotherapie oder Psychiater angezeigt. Eine ambulante Abklärung soll in Folge zeigen, ob eine ambulante Therapie oder stationäre Aufnahme notwendig ist. Trotz der derzeitigen Engpässe der Bettenkapazität wird weiterhin jeder Betroffene, der akut ein Bett braucht, auch eines erhalten.

Wie kann man Essstörungen oder Depressionen in den Griff bekommen, wenn Lockdown-Phasen länger dauern? Zunächst geht die Zunahme an Essstörungen in Österreich und international häufig mit der Sorge einer Gewichtszunahme durch körperliche Inaktivität während des Lockdowns einher – vor allem bei Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren. Es ist daher wesentlich, dass Eltern oder Ärzte Beobachtungen wie unnatürliche Diäten oder exzessive sportliche Betätigung ansprechen. Ähnlich ist es bei Depressionen: ein unnatürlicher Rückzug des Kindes oder Jugendlichen ist zu hinterfragen. Vor allem Jugendliche klagen darüber, dass sie die Anforderungen des distance learnings hinsichtlich der Konzentration kaum mehr bewältigen können. Dadurch breiten sich Schlafstörungen und Erschöpfung aus. Wenn Jugendliche plötzlich gar nicht mehr aus dem Bett oder Zimmer kommen und aus eigener Kraft nicht mehr aus dem Labyrinth finden, müssen sich Eltern aktiv Unterstützung beim Allgemeinmediziner holen, der dann die weiteren Schritte setzt.

Was sollen Eltern und/oder Allgemeinmediziner im Falle von Suizidgedanken oder im schlimmsten Fall bereits gesetzten Versuchen machen? Wichtig ist, ansprechen! Es ist empirisch gut erforscht, dass betroffene Kinder und Jugendliche durch das Ansprechen nicht etwa auf „dumme Gedanken“ kommen, sondern dass sie das Sprechen über ihre Gefühle als Entlastung empfinden. Bei akuter Suizidalität muss so schnell wie möglich ein Facharzt hinzugezogen werden. Aber auch hier ist der Allgemeinmediziner der erste Abklärer und die therapeutische Drehscheibe.

 

 

 

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 4 / 25.02.2021